Kultur : Pianistenglück

SYBILL MAHLKE

Unter den Pariser Sinfonien Joseph Haydns schätzte Marie Antoinette auf dem todgweihten Thron des französischen Königreichs diejenige in B-Dur so sehr, daß dem Stück der Beiname "La Reine" zuteil wurde.Für das Deutsche Symphonie-Orchester unter der Leitung seines Ersten Gastdirigenten Marek Janowski ist es mehr als eine royalistisch abgesegnete Einspielmusik.Nach der langsamen Einleitung zeigt sich der Dirigent bemüht, dem pauschalen Schwung des Vivace behutsam beizukommen: Heller Morgenschliff der Musik eröffnet die Matinee in der Philharmonie, die Musik wird überglänzt von Paula Modersohns Oboensoli und den anschmiegsamen Figurationen des Soloflötisten Gergely Bodoky, der als Nachfolger Senns für einen erfolgreichen Generationenwechsel im Orchester steht.Das Werk (1785) ist in "Figaro"-Nähe gediehen und weckt Aufmerksamkeit für die Freundschaft zwischen den Komponisten, wie der Landschaftsmaler Albert Christoph Dies sie aus Unterredungen mit Haydn erfahren hat: "Nach dem gewöhnlichen Laufe der Dinge hätten zwei Künstler wie H.und M.einander hassen müssen.Ohne Zweifel hätten sie auch beide der Furie gehuldigt, wenn sie gewöhnliche Menschen gewesen wären.Es gefiel aber der Natur, den harmonischen Stoff, der zu der Bildung zweier so vortrefflicher Wesen nötig war, gleichsam bis zur Verschwendung zu gebrauchen, darum halte ich es für kein Wunder, daß beide einander hochschätzten." Eine verlorene Munterkeit spricht aus dem Menuett, das angetan ist, nostalgische Empfindungen erwachen zu lassen.Als Orchesterleistung übertrifft der Auftakt das übrige französisch orientierte Programm.

Denn "La Mer" von Claude Debussy ist in Janowskis Interpretation zwar der Clarté auf der Spur, weniger aber der elementaren Spannung, die trotz der strengen Zeichnung in der Partitur steckt.Debussy hat ihr Titelblatt mit dem Stich von Hokusai, dem wohl berühmtesten japanischen Bild aller Zeiten, versehen, und die Dynamik der im Augenblick verweilenden Bewegung dieser "Wellen" will auch mit Tönen erklommen sein.

Dem Plan, für Paris zu schreiben, verdankt sich Felix Mendelssohn Bartholdys Klavierkonzert g-Moll.In dem Pianisten François-René Duchable gewinnt die Vortragsfolge ihre Krönung: wer Oktavparallelen so markant hinlegt wie er und musikalisch die Elfen anlockt, mit intelligenter, klanglich-dynamisch differenzierender Betonung, wird einerseits dem Virtuosenanspruch des Konzerts gerecht, andererseits dem, das dahintersteckt: Romantik.Es ist ein Glück der tanzenden Finger! In Maurice Ravels Konzert D-Dur für die linke Hand ist die Tragik mitkomponiert, daß ein Pianist wie Paul Wittgenstein verstümmelt aus dem Krieg heimkehrt.Dunkle Instrumentierung, die sich lichtet, Klangfarben aus der "Boléro"-Zeit geben dem Orchestersatz Struktur, der diesmal beim DSO eher al fresco erklingt.Die Schlagsicherheit des Solisten Duchable am Klavier aber ist nicht zu bremsen und deshalb so phänomenal, weil sie sich mit Feingefühl verbindet.

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