Pianistin Alice Sara Ott beim RSB : Subtiler Saloncharme

Die deutsch-japanische Pianistin Alice Sara Ott war zu Gast beim Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter Karel Mark Chichon - und zeigte sich unentschlossen bis unentspannt.

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Alice Sara Ott.
Alice Sara Ott.Foto: Felix Bröde

Sentimentalität und Noblesse sind die Eigenschaften, die sich in Griegs Klavierkonzert in a-Moll op. 16 die Waage zu halten versuchen. Dieselbe Anforderung stellt sich seinen Interpreten. Ein Übermaß an Pathos kann man der jungen deutsch-japanischen Pianistin Alice Sara Ott keinesfalls nachsagen. In die stürmischen Kaskaden, die das Stück eröffnen, schleicht sich sogar ein vornehmes Zögern, das das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter Karel Mark Chichon übernimmt und im Seitenthema in Form einer ausgeprägten Agogik fortsetzt. Otts Unentschlossenheit in der Formgebung großer Bögen und einzelner Phrasen lässt ihre Interpretation konstant unterspannt und ein wenig richtungslos wirken.

Zwar liegt eine gewisse Schönheit in der Zurückhaltung in ihrer Begleitung des Themas, wenn es durch Celli und Flöten wandert, doch schwingt in jedem noch so feinsten Pianissimo etwas Knöchernes mit. Davon bleibt selbst der wunderbar zarte Klaviereinsatz im Adagio nicht verschont, das Chichon mit subtilem Saloncharme einleitet, ohne in die gefährliche Schwulstfalle zu tappen. Paradoxerweise verträgt gerade das Marcato des Finalsatzes Otts leicht hölzernen Anschlag am wenigsten. Fehlende Elastizität hält Humor und Esprit, die in dem volkstümlichen Tanzrhythmus wohnen, fest unter Verschluss.

Chichon verschießt sein Pulver nicht zu früh

Ein frappanter Kontrast tut sich in der zweiten Hälfte in der Philharmonie mit Dvoráks selten gespielter Sinfonie Nr. 5 in F-Dur op. 76 auf: Sparsamer Bogeneinteilung verdankt sich der silbern-transparente Streicherklang, der den Ton im Kopfsatz angibt und jeder triefenden Terzen- und Sechstenseligkeit entgegenwirkt. Chichon verschießt sein Pulver nicht zu früh – hierin scheint das Geheimnis dieser von Anfang bis Ende spannungsvollen Interpretation zu liegen. Die prägnanten Einsätze der Celli und Bässe bringen eine schöne Tiefenschärfe ins Allegro scherzando, dessen bodenständigem Rhythmus Chichon mit freundlich reservierter Leichtigkeit begegnet. Erst im Finale zieht er das moderate Tempo an und übergibt die Spieler der ungebremsten Leidenschaft.

Nun regiert der Schmäh, egal wie schicksalshaft trocken die Hörner dagegenhalten. Spätestens das lustvoll ausladende Oktavschaufeln der Streicher in den Schlusstakten bestätigt, dass Chichons dramaturgischer Ansatz vollends aufgegangen ist

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