Pianistin im Interview : Hélène Grimaud: "Jede Pause ist eine gute Pause"

Die Pianistin Hélène Grimaud spricht im Interview mit dem Tagesspiegel über ihre Auszeit, Klassik in Krisenzeiten – und Mozarts Geheimnis.

Wiedersehen in Berlin. Am 9. November spielt Hélène Grimaud in der Philharmonie Mozart, Berg, Liszt und Bartok (20 Uhr). Ihre CD „Resonance“ mit dem gleichen Programm erscheint bei der Deutschen Grammophon. Die 41-jährige, zurzeit in der Schweiz lebende französische Pianistin hat neben vielen CDs (Rachmaninow, Beethoven, Brahms, Bach u. a.) auch Bestseller veröffentlicht („Wolfssonate“, „Lektionen des Lebens“).
Wiedersehen in Berlin. Am 9. November spielt Hélène Grimaud in der Philharmonie Mozart, Berg, Liszt und Bartok (20 Uhr). Ihre CD...Foto: Mat Hennek/DG

Madame Grimaud, Ihre neue CD wurde im September aufgenommen und kam in Rekordzeit Anfang Oktober auf den Markt. Weshalb diese Hektik?

Mir saß die Pistole auf der Brust. Die Frage war, nachdem ich zwei Aufnahmetermine hatte verstreichen lassen müssen: Wird es diese CD jemals geben? Für die Marketing- und Promotionleute war es sicher grauenvoll, aber künstlerisch wusste ich, es muss sie geben. In meinem Kopf war alles fertig, mein Herz war bereit, nur ob die Finger mitspielen würden, meine Physis, das habe ich nicht gewusst, bis zum Berliner Waldbühnenkonzert nicht ...

... Mitte August mit Andris Nelsons und dem City of Birmingham Symphony Orchestra ...

... da spürte ich eine so überwältigende Freude an der Musik, eine so tiefe Dankbarkeit, dass mir klar war: Da ist sie wieder, meine Lebenskraft.

Sie hatten im Frühsommer eine schwere Operation und mussten dreieinhalb Monate pausieren. So lange ohne Musik?

Ohne Klavier auf jeden Fall. (imitiert auf dem Tisch einen schnellen Lauf)

Wie fühlt sich das an?

Schlecht. Hart. Ich dachte immer, mein Geist sei stärker als mein Körper. Solange man physisch am Boden ist, stimmt das leider nicht. Erst im erstarkenden Körper kann auch der Geist wieder stark sein.

Eine Zeit ohne Noten, ohne Lesen und Hören von Musik?

Ohne aktive Beschäftigung, ja. Als ich aus der Narkose aufwachte, war mein erster Gedanke noch, Ende Mai, das Konzert mit Valery Gergiev bei den Weißen Nächten in St. Petersburg, das schaffe ich. Es dauert eine Weile, bis der Kopf wirklich begreift, was los ist, bis die Fokussierung auf Termine, Begegnungen und Partituren nachlässt. Und plötzlich tun sich Räume auf, dunkle Räume für all das, was man nicht bewältigt, sondern verdrängt, weil man diesen Beruf sonst wahrscheinlich nicht ausüben könnte. Im März zum Beispiel ist Apache gestorben ...

... einer der Wölfe im Wolf Conservation Center in der Nähe von New York, das Sie mitgegründet haben.

Ich hätte nie gedacht, dass mich das so treffen würde. Er war 13 Jahre alt, viel älter werden Wölfe nicht. Trotzdem hat es mich umgehauen, auch weil ich mich von ihm nicht verabschieden konnte. Solche Versäumnisse hinterlassen Spuren, vielleicht sogar Narben.

Was konnten Sie in diesen Monaten tun?

Nichts. Ich habe in meinem Leben noch nie nichts gemacht, vielleicht war es nach 25 Jahren an der Zeit. Das Problem ist nur: Ich war todunglücklich. Weil ich nicht wusste, wie lange es dauern würde, und weil ich mich als Opfer fühlte. Absurderweise hatte ich schon länger mit dem Gedanken einer Auszeit gespielt, mich mal drei, vier Monate auszublenden. Und jetzt wurde ich dazu gezwungen, ohne dass ich es genießen konnte. Schrecklich.

Was haben Sie daraus gelernt?

Dass jede Pause eine gute Pause ist, mit wie viel Schmerzen, Zweifeln, Verzicht und Verstörungen sie auch verbunden sein mag. Jede. Und ich habe gelernt, dass ich nichts mehr beweisen muss, nicht dem Publikum, dem Betrieb, den Kritikern oder mir selbst. Wenn man jung ist, kann das Sichbeweisen ein toller Motor sein. Das ist jetzt eine Binsenweisheit, aber wer durch eine solche Krise gegangen ist, der weiß, dass er am Ende mit sich allein ist. Das macht gelassen. Und frei. Ich hoffe, ich kann mir diese Einsicht bewahren.

Ein bisschen Krise gilt im Klassikbusiness als schick. Wie viel ernsthafte Krise aber toleriert der Markt wirklich?

Kennen Sie die Geschichte des kleinen Mädchens, das am Strand entlanggeht und so viele angeschwemmte Seesterne wie möglich zurück ins Wasser wirft? Ein Mann kommt ihr entgegen und sagt, du weißt, dass es total sinnlos ist, was du tust? Und sie antwortet: Aber für diesen Seestern ist es nicht sinnlos – und wirft ein besonders schönes, großes Exemplar hinaus aufs Meer. Was ich sagen will: Der Musikmarkt ist kein anonymes, gesichtsloses Ungeheuer, er besteht aus Menschen.

Die alle Geld verdienen wollen.

Ja, 80 Prozent wollen wahrscheinlich nichts anderes. Aber mit jedem Einzelnen kann sich alles ändern. Die Leute, mit denen ich eng zusammenarbeite, haben Qualität, Niveau und Herz, für sie lege ich meine Hände ins Feuer (lacht). Und sie wissen: Von ein paar Absagen, von einer CD, die nicht erscheint, geht die Welt nicht unter. Bei allem schlechten Gewissen, das ich habe, wenn ich absagen muss, gibt mir das die Sicherheit, nicht um jeden Preis funktionieren zu müssen.

Gilt das auch für die Veranstalterseite?

Da herrschen mehr Angst und Misstrauen, auch mehr Trash, vor allem seit der Wirtschaftskrise, das merkt man. Selbst die Musikbranche ist ja nicht frei von einer gewissen Hedgefonds-Mentalität, von der Jagd nach dem schnellen Geld und dem schnellen Star, der sich auspressen lässt wie eine Zitrone. Wenn ein Interpret aber absagt, vielleicht sogar mehrfach, dann steigt die Nervosität: Hat er Besseres zu tun? Kriegt er seine persönlichen Probleme nicht in den Griff? Wobei man nicht vergessen darf, dass im Krankheitsfall mit Ausnahme des Künstlers alle Beteiligten versichert sind und ihr Geld zurückbekommen, Agenturen wie Veranstalter. Was soll das also?

Wie riskant ist es, Ihre Rückkehr aufs Podium mit einer Solo-CD zu verknüpfen?

Physisch war es ein Wagnis, wie gesagt. Musikalisch aber habe ich mich absolut frei gefühlt, denn, und das gilt mit Ausnahme der Bach’schen Chaconne für alle Solowerke, die ich aufnehme: Ich spiele sie im Studio immer zum ersten Mal. Sie sind für mich rein und durch keine Erfahrung, keinen Vergleich befleckt.

Wie hat sich Ihre persönliche Situation auf die Interpretation ausgewirkt?

Das klingt jetzt vielleicht seltsam, aber die Dringlichkeit kommt ganz aus der Musik. Nicht die Umstände haben mich unter Spannung und Druck gesetzt, sondern Mozarts a-Moll-Sonate, Bergs op. 1, Liszts h-Moll-Sonate und Bartóks rumänische Volkstänze. Alle diese Stücke leben von einer enormen Atemlosigkeit und Intensität. Es ist das Programm zum Leben, nicht umgekehrt.

Mozart spielen Sie zügig in den Tempi, mit wenigen Haltepunkten nur, fast unverbindlich in der Phrasierung und ...

... hysterisch? Wie alle Frauen? Ich war nie eine Freundin des heiteren, harmonischen, „göttlichen“ Mozart-Bildes. In seiner Musik ist Abgrund, Schwärze und Gefährdung. In der a-Moll-Sonate lässt er alle Masken fallen, da spricht er, der so gerne Schabernack treibt, plötzlich in der ersten Person. Das muss man erst einmal verkraften, aber dann beschert es uns Antworten auf viele Fragen: Was will dieses hämmernde Ostinato im Hauptthema des ersten Satzes? Das muss doch einen Sinn haben, das meint nicht nur Klassizität oder zitiert ein bisschen französischen Stil! Oder diese vielen ungebührlich harten Dissonanzen? Worüber spricht diese Musik wenn nicht über Schmerz, Verzweiflung und Depression? Mozart hatte zu wenig Zeit, um nur der Konvention zu genügen, davon bin ich überzeugt. Bei Bach, Chopin, Schubert kann ich meiner Gefühlsgewissheit vertrauen. Bei Mozart fange ich an zu rätseln.

Sie spinnen den österreichisch-ungarischen Faden weiter über Berg und Liszt bis Bartók. Inwieweit ist Ihr Mozart-Spiel von diesen Nachgeborenen infiziert?

Im Zentrum des Programms steht die Berg-Sonate, auf ihre Intimität und décadence läuft alles zu. Flankiert von Liszts grandiosem Theaterdonner und Bartóks Momentaufnahmen spiegelt sie eine Operation am offenen Herzen, einen vitalen Zerfallsprozess. Mozart ist in diesem Kaleidoskop der Erste, der um diese Dinge weiß. Er weiß, dass die Welt immer zu groß und zu klein sein wird, um in eine 20-minütige Klaviersonate zu passen.

Das Gespräch führte Christine Lemke-Matwey.

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben