Kultur : Piano forte

Meisterlich: Ragna Schirmer betört im Kammermusiksaal

Friedemann Kluge

Angesichts unseres heutigen Begriffs von „Unterhaltungsmusik“ ist es dem Bewusstsein weitgehend entschwunden, dass Komponisten wie Haydn, Mozart und Co. in der Hauptsache eben auch U-Musik geschrieben haben. So gab es im Kammermusiksaal ein Salonkonzert der besonderen Art: eben jene U-Musik des 18. und 19. Jahrhunderts, dargebracht von Ragna Schirmer.

Eigentlich kommt die Pianistin – wie alle großen Musiker – „von Bach“, mit dessen Goldberg-Variationen sie auf CD Aufsehen erregte. Hier gab’s zunächst Haydn: Dessen F-Moll-Variationen entfalteten ihre ganze verborgene Pracht in Schirmers innigem, körperlich zurückhaltenden, in den langsamen Passagen allerdings auch nicht ganz mätzchenfreien Spiel. Die stille Heiterkeit der C-Dur-Sonate (Hob. XVI:50) vernehmbar zu machen ohne zu langweilen, gelingt nur den ganz Großen – die junge Ragna Schirmer hat den alten Haydn verstanden.

Ihren Sinn auch für Szenisches bewies die Pianistin, als sie zu John Coriglianos „Etude Fantasy“ den Schwalbenschwanz abwarf, um deren fliehende Rhythmen nackenfrei zu Gehör zu bringen: eine fetzige Komposition zwischen Rachmaninow und Chick Corea, die zu den stärksten Soloklavier-Kompositionen des 20. Jahrhunderts zählt – eine superlativische Einschätzung, von Schirmers Spiel nachdrücklich gerechtfertigt.

Die 12 Etuden op. 10 von Frédéric Chopin stehen beispielhaft für die Verschwommenheit der Grenzen zwischen so genannter U- und E-Musik: Denn kennen wir die E-Dur-Etüde („In mir klingt ein Lied“) nicht auch als Schlager? Ragna Schirmer musiziert ungeachtet ihres Professorentitels alles andere als akademisch. Ihr weicher und trotzdem energischer Fingersatz bringt die Mittel- und Unterstimmen zum Funkeln und Leuchten – und das Publikum zum Strahlen und Applaudieren.

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