Kultur : Piano mit Seeblick

Neues Bauen in Berlin: Wohnen in der noblen Kolonie Alsen

Jürgen Tietz

Kolonie, das klingt nach „fern der Heimat“ und nach grausamer Unterdrückung. Doch der preußische Eroberungsdrang des 19. Jahrhunderts wandte sich nicht nur nach Afrika oder Ozeanien. Er begann bereits vor den Toren Berlins. Schließlich ließ sich auch dort für die Kolonisatoren gutes Geld verdienen. Seit 1863 wuchs daher am Südufer des Wannsees die Kolonie Alsen empor. Heute allerdings atmen nur noch wenige Villen etwas von dem Urcharakter der gründerzeitlichen Noblesse, die hier einst herrschte. Endgültig verklungen die Epoche großbürgerlicher Wohnkultur, die im Gewand eines antik oder mittelalterlich anmutenden Fassadenallerleis daher kam.

So auch an der Kreuzung Am großen Wannsee, Kaiser- und Conradstraße – die ihren Namen nach dem Gründer der Kolonie trägt, dem Bankier Wilhelm Conrad. Doch noch heute bietet das riesige Grundstück eine prominente Adresse mit Seeblick. Dem entsprach einst seine Bebauung mit zwei Villen der Architekten Martin Gropius und Heino Schmieden sowie Kyllmann und Heiden. Erhalten haben sich davon nur die mächtigen Bäume des Landschaftsgartens, der auch den Bau einer Reha-Klinik samt Bettenhochhaus in den sechziger Jahren auf dem Grundstück überdauerte.

Seit dem Ende der mauerbedingten West-Berliner Platznot sind die Reha-Kliniken ins Berliner Umland ausgewichen, das Grundstück Am großen Wannsee stand für eine neue Nutzung zur Verfügung. Wo einst lediglich zwei Familien residierten und später tausende Patienten Genesung suchten, ist eine neue Villensiedlung des PetrusWerks nach dem Entwurf der Berliner Architekten Quick Bäckmann Quick entstanden.

Allerdings mussten sich die Architekten mit ihren Wohnbauten auf einen Teil des Grundstücks beschränken, damit der Park als Naturdenkmal unverändert erhalten bleibt. So sind insgesamt 26 Einzel- und Doppelhäuser entstanden, eng zusammengerückt, die entweder von der Straße Am großen Wannsee oder von der Kaiserstraße aus erschlossen werden. Dazwischen breitet sich eine private Gartenzone aus. Doch leider ist der Gartenzaun des deutschen Häuslebauers liebstes Kind – und statt eines gemeinschaftlichen Gartenraums zwischen den Häusern, der den neuen Grünbereich an den alten Baumbestand des Parks anbindet, herrscht hier parzelliertes Klein-klein vor.

Das aber ist schon das einzige Manko der neuen „Kolonie“, die ansonsten durch ihre schlichte kubische Ziegelarchitektur überzeugt. Geschickt gestaffelt haben die Architekten dabei die dunkelroten Wohnblöcke in das zum See abfallende Terrain gesetzt. Das ist gut für die Aussicht aber auch schön anzuschauen. Kein Wunder also, dass die Häuser schnell ihre Liebhaber gefunden haben. Mit gewaltigen Glasfronten öffnen sich die Bauten zum nahen Wannsee und bieten wohl einen der schönsten Ausblicke, den es in Berlin gibt. Angenehm auch, dass die Häuser von Quick Bäckmann Quick ganz ohne jenen historisierenden Schnickschnack auskommen, der ansonsten vom Grunewald bis tief in die Brandenburger Wildschweinsiedlungen derzeit gern bemüht wird. Stattdessen gibt sich die Architektur unprätentiös: Die klaren Wohnkuben, mit ihrer farbig rauen Ziegeloberfläche fügen sich samt flachen Dächern wie selbstverständlich in die Landschaft ein. Ein Mehrfamilienhaus im gleichen architektonischen Duktus soll künftig an der Conradstraße den Auftakt zur Siedlung bilden. Doch auch die starke Verdichtung stört die Wirkung des Ensembles nicht, obwohl sie eigentlich ein Gegenbild zur einstigen Großzügigkeit in der Villenbebauung der Kolonie Alsen erzeugt.

Dafür geben die Häuser im Inneren ein gutes Beispiel „befreiten Wohnens“, das sich über mehrere Etagen erstreckt. Die Eingangsebene führt in den großzügigen, doppelgeschossigen Wohnbereich. Er verfügt über einen zentral angeordneten Kamin; eine offene Küche schließt sich im rückwärtigen Hausteil an. Im Obergeschoss wird der Wohnraum um eine offene Galerie ergänzt, die – je nach Wunsch der Eigentümer – mal größer, mal kleiner ausgeführt werden konnte. Und immer wieder fällt der Blick auf den Park und die für Berlin so ungewöhnliche Weite der Wasserlage.

Doch die großen Glasflächen, die soviel Ausblick gewähren, gestatten auch tiefe Einblicke ins Haus, auf Bücherwand und Piano – das mag manchen Bewohner stören, aber schließlich sind die Häuser ja nicht vom tosenden Stadtverkehr umspült. Zudem schließt sich ein eher abgeschotteter, weitaus privaterer Bereich im rückwärtigen Hausteil an. Hier finden Schlaf- und Kinderzimmer Platz. Und außerdem kann auch das „Souterrain“ bewohnt werden: durch die Hanglage der Häuser ist es im vorderen Bereich voll belichtet, während der hintere Teil eingegraben ist und als Keller dient.

Zwar schwelgen die Häuser von Quick Bäckmann Quick nicht in jenem Luxus von Raum und Form, den ihre gründerzeitlichen Vorgänger einst besaßen. Doch sie bieten zeitgemäße Wohnkultur auf gehobenem Niveau, die sich stilsicher und architektonisch gelungen am aktuellen Bedarf orientiert.

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