Kultur : Picasso-Ausstellung: Die Liebe als schöpferischer Akt

Markus Krause

Wie viele Arten der Malerei gibt es? Zwei auf jeden Fall. Die, die von der Landschaft herkommt - zum Beispiel die Abstraktion Kandinskys - und die, an deren Anfang und Ende der menschliche Körper steht. Max Beckmanns metaphorisches Welttheater gehört zu dieser ganz auf den Körper gerichteten Kunst, ebenso die bedrängenden Exaltationen des Leibes von Egon Schiele - und das an Metamorphosen nicht enden wollende Werk von Picasso. Kein Maler, dessen Radius stilistisch weiter gespannt und inhaltlich klarer fokussiert wäre: Der menschliche Körper ist das Thema Picassos, er ist Träger allen Ausdrucks, Schauplatz der Leidenschaften, Experimentierfeld der Form und die zentrale Metapher des Werkes.

Mit großem ästhetischen Genuss nachvollziehen lässt sich Picassos fortwährende Behandlung des Körpers seit gestern in der Neuen Nationalgalerie. Unter dem Titel "Die Umarmung" zeigt sie eine Ausstellung, die ursprünglich als wichtigster Beitrag Spaniens zur Expo in der Kestner-Gesellschaft in Hannover stattfinden sollte, dort aber aus Angst vor geringem Besucherzuspruch kurzfristig abgesagt wurde. Berlin ist nun, nachdem sich die Nationalgalerie spontan zur Übernahme des Geschenks Spaniens entschlossen hat, der lachende Dritte. Gut 130 überwiegend gewichtige Werke aus allen Schaffensphasen umfasst die vom Sohn Claude Picasso zusammengestellte Schau, Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen, Druckgrafiken, die keinen Zweifel lassen: Die Veranstaltung wird sicher ein Publikumserfolg. So zärtlich und harmonisch, wie der Titel vermuten lässt, ist die mit internationalen Leihgaben bestückte Ausstellung allerdings nicht. Picasso wäre kein so großer Künstler, wenn er nicht vorbehaltlos den gesamten Kosmos menschlicher Gefühle auf das Thema übertragen hätte, wenn er im Formalen nicht immer wieder bis zum Äußersten gegangen wäre. Kann es einen verzweifelteren Ausdruck geben als auf der "Studie zu Guernica: Mutter mit totem Kind IV" von 1937, eine zartere Innigkeit als in dem kleinen Gemälde "Familie am Meer" (1922), eine rohere Gewalt als bei der "Vergewaltigung unter dem Fenster" aus dem Jahr 1933? Gibt es etwas Groteskeres als den zähnebewehrten "Kuß" von 1931?

Die körperliche Berührung, der Liebesakt, der Kampf der Geschlechter ziehen sich wie ein roter Faden durch das Werk von Picasso. Oft ist hierbei die autobiografische Dimension hervorgehoben worden - zu Recht, weil Picasso in seiner Kunst nicht selten unmittelbar auf Erlebtes reagierte, zu Unrecht, weil er diese Erlebnisse nie illustrierte, sondern stets für allgemeingültige Formulierungen verwandte. Weit spannt sich der Bogen von den trostlosen Szenen der "Blauen Periode" zu Beginn des 20. Jahrhunderts bis hin zu den fast schockierenden Direktheiten des Spätwerks der 60er und frühen 70er Jahre, mit denen sich der Künstler mit aller Kraft am Leben festzuhalten schien. Dazwischen entfaltet sich das sprichwörtliche "Universum Picasso".

Stilmetamorphosen

Es ist faszinierend zu sehen, wie diese inhaltliche Beschränkung den Blick für die formalen Aspekte schärft. Das wiederholte Aufgreifen bestimmter Motive, die zahlreichen Variationen der Figurenkonstellationen erwecken den Eindruck, als sei das Dargestellte für Picasso mitunter nur Vorwand für rein bildkünstlerische Überlegungen. Bei der "Freundschaft" von 1907/08, zwei aneinandergeschmiegt stehenden Akten, die den Einfluss der afrikanischen Plastik auf Picassos frühen Kubismus belegen, scheint es, als ginge es dem Maler vor allem um ein bestimmtes Spannungsgefüge der beiden Körper, das zuvorderst bildimmanenten Gesetzen gehorcht. Erstmals macht sich Picasso hier die künstlerische Form in einer Weise gefügig, die die vielen sich anschließenden Stilmetamorphosen überhaupt erst ermöglicht: Nach dem Kubismus in den frühen 20er Jahren die Rückkehr zur Ordnung im Neoklassizismus, den Surrealismus der 30er, wo die Gliedmaßen der Körper ein fast groteskes Eigenleben führen, bis hin zu den formalen Eigenmächtigkeiten und Freiheiten der späten Schaffensphasen. Nicht täuschen sollte man sich vom allzu Offenkundigen: Die Bilder der Liebe, vor allem die der körperlichen, verweisen bei Picasso stets auch auf den schöpferischen Akt des Künstlers. Hier wie dort geht es um eine bestimmte Form der Aneignung, um Bändigung und Beherrschung. So wie der Liebhaber die Geliebte verführt, so wie er sie sich im Liebesakt unterwirft, so unterwirft sich der Maler das Objekt der Darstellung. Diese Verbindung hat weniger mit einem typisch spanischen Machismo zu tun, als vielmehr mit einem grundsätzlichen Weltverhältnis.

Dunkle Sphäre des Triebes

Sie ist die Ursache für die überbordende Vitalität und Intensität, die Picassos gesamtes Schaffen auszeichnet, die den Künstler jedes Detail seines Lebens in Kunst verwandeln lässt. Selbst die krasseste Darstellung der Sexualität bedeutet mehr als das vordergründig Dargestellte. Sie repräsentiert ein Lebensprinzip, das zugleich das Prinzip der Kunst verkörpert.

Picasso hat für diese Verbindung in den 20er Jahren ein oft wiederkehrendes Symbol gefunden, den Minotaurus, halb Mensch, halb Tier, beheimatet in der hellen Welt des Bewusstseins und in der dunklen Sphäre des Triebes. Er ist das Alter Ego des Künstlers, das oft in gewaltsamer Weise seine schöpferische Kraft verströmt. Doch auf der Radierung "Minotaurus, eine schlafende Frau streichelnd" (1933), beugt sich die Kreatur behutsam und zärtlich über die Geliebte, in Betrachtung versunken, ohne ihr das Geheimnis zu entreißen. Was bedeutet dem Maler die Liebe? Hinter allen Liebkosungen steht eine einzige große Geste: In der Verschmelzung von Kunst und Leben liegt Picassos eigentliche Umarmung.

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