• Picassos Skulpturen: Spiel mir das Lied vom Blech - Ausstellung im Pariser Centre Pompidou

Kultur : Picassos Skulpturen: Spiel mir das Lied vom Blech - Ausstellung im Pariser Centre Pompidou

Jörg von Uthmann

Während des Ersten Weltkriegs besuchte der Kunstkritiker André Salmon Picassos Studio hinter dem Montparnasse-Friedhof. Kunstwerke im herkömmlichen Sinne, schrieb er später, habe er dort nicht gefunden, sondern ein Bric-à-Brac, "wunderlicher als Fausts Hexenküche". Als er auf einen Gegenstand aus Blech wies, der an der Wand lehnte, und Picasso fragte, ob dies ein Gemälde sei oder eine Plastik, bekam er die barsche Antwort: "Das ist die Gitarre." Salmon war nicht der einzige, der Mühe hatte, sich in Picassos schöpferischem Labyrinth zurechtzufinden. Als sich sein Galerist Kahnweiler weigerte, den aus zwei objets trouvés zusammengesetzten "Großen Vogel" in den Sammelband "Les Sculptures de Picasso" aufzunehmen mit der Begründung, es handle sich nicht um eine Skulptur, sondern um ein bloßes "Objekt", bekam Picasso einen Wutanfall: "Was bildet sich der Mann ein? Will er mir beibringen, was eine Skulptur ist? Immer klammert man sich an überholte Definitionen, als ob es nicht gerade Sache der Künstler wäre, neue zu finden!"

Auto oder Affe

Picasso hat sein Leben lang nicht aufgehört, neue Definitionen zu finden und die Kritiker zu verwirren. Seine Werke, die mangels eines besseren Begriffs als "Skulpturen" firmieren, könnten unterschiedlicher nicht sein. Sie sind aus Bronze, Eisen, Holz, Stein, Stoff, Papier. Ohne Bedenken leimte er Pflanzen und Sand auf Karton. Er scheute sich nicht einmal, Skulpturen zu bemalen, was nun wirklich gegen alle Regeln verstieß. Nur dem Marmor ging er aus dem Wege - was nicht nur eine Frage des handwerklichen Könnens war, sondern auch des Zeitaufwands. Am schnellsten gingen ihm Assemblagen von der Hand: Zwei Siebe verwandelten sich in einen Frauenkopf, zwei Spielzeugautos in eine Äffin, ein Fahrradsattel und eine Lenkstange in den Kopf eines Stiers. Der Kunsthistoriker, der Picassos dreidimensionale Werke - gut 700 an der Zahl - stilgeschichtlich einordnen will, ist nicht zu beneiden: Manche sind offenkundig von den Kultgegenständen inspiriert, die Picasso im Musée ethnographique du Trocadéro gesehen hatte, andere von der Kunst der Etrusker, wieder andere von den spindeldürren Figuren seines Freundes Giacometti, mit dem er sich später verkrachte.

1987 war im gleichen Centre Pompidou eine sehr geistreiche, sehr umstrittene Ausstellung zu besichtigen, die die Frage stellte: "Was ist die moderne Skulptur?" Nach der bewährten Methode des Wegelagerers Prokrustes hatten die Veranstalter alle Künstler, die nicht in ihr Konzept passten, herausoperiert und unter Berufung auf Wilhelm Worringers berühmten Essay "Abstraktion und Einfühlung" nur solche zugelassen, die entweder einer "Ästhetik der Natur" oder einer "Ästhetik der Kultur" huldigten. Wie sich zeigte, gehörte Picasso zu beiden Schulen. In seinen frühen Skulpturen folgte er dem Beispiel Gauguins, der sich für die Stammeskunst der Naturvölker begeisterte und das gründlich aus der Mode gekommene Holz wieder zu Ehren brachte. Aber dann kommt 1912 ein entscheidender Einschnitt: Die erste, aus Karton gefertigte Fassung der Gitarre, die Salmon in Picassos Atelier bemerkte, verzichtet darauf, ihr Volumen ganz auszufüllen. Wie Morgensterns Architekt, der aus dem Zwischenraum des Lattenzauns ein großes Haus baut, deutet sie ihren Umriss nur an: Der Betrachter muss sich das Fehlende dazudenken. Es ist die Geburtsstunde des Konstruktivismus.

1928 kommt Picasso auf seine "Zeichnungen im leeren Raum" zurück. Anlass ist die zehnte Wiederkehr des Todestags von Guillaume Apollinaire. Für die Entwürfe aus Eisenstangen versichert er sich der Hilfe eines Experten, seines Landsmanns Julio González. Doch die Entwürfe werden als zu radikal verworfen und erst drei Jahrzehnte später ausgeführt. Seine Experimente mit den leeren Zwischenräumen haben Picasso nicht daran gehindert, immer wieder zur kompakten "Ästhetik der Natur" zurückzukehren, wovon zum Beispiel die monumentalen Köpfe seiner Geliebten Marie-Thérèse zeugen.

1962 erhielt der 80-jährige Bildhauer seinen ersten großen Auftrag - eine 20 Meter hohe Stahlplastik für den Platz vor dem Civic Center in Chicago. Es war die späte Rehabilitierung eines Werks, das lange unbekannt blieb und noch heute im Schatten seiner Malerei steht. Daran war Picasso selbst nicht ganz unschuldig: Wie E. T. A. Hoffmanns Goldschmied Cardillac, der sich nicht von seinen Schöpfungen trennen kann, hortete er seine Skulpturen, vergaß wohl auch vieles, was er aus der Laune eines Augenblicks geschaffen hatte. Als ihm Werner Spies den Catalogue raisonné seiner Ausflüge in die Dreidimensionalität vorlegte, war seine Verblüffung jedenfalls groß: "Das ist ja wie die Entdeckung eines neuen Kontinents!"

Nichts gegen den gekonnten StilbruchDass Spies jetzt sein dreijähriges Direktorat im Centre Pompidou mit der größten Ausstellung von Picasso-Skulpturen beendet, die die Welt bisher zu sehen bekam, hat also einen guten Sinn. Dass das Lebenswerk Brassaïs, der Picassos Skulpturen als erster fotografierte, gleich nebenan besichtigt werden kann (allerdings nur noch bis zum 26. Juni), rundet das intellektuelle Abenteuer ab.

Anders als das Museum of Modern Art, das in seiner großen Retrospektive von 1980 die Skulpturen als Anhängsel der Gemälde behandelte, hat sich das Centre Pompidou auf die Skulpturen beschränkt. Da Picasso oft das gleiche Sujet - nicht zuletzt seine jeweilige ma¬¤tresse en titre - zwei- und dreidimensional verewigte, entfällt leider so mancher reizvolle Vergleich. Dafür bieten die 300 Stücke, die meisten aus den Verliesen des Picasso-Museums und dem Familienbesitz, Gelegenheit zu einer Parforcejagd durch eine Landschaft, die unsere Aufmerksamkeit auch verdient, wenn wir sie nur für einen Nebenkriegsschauplatz halten. Der erste Eindruck dürfte Verwirrung sein - Verwirrung über die Stilbrüche, mit denen Picasso seine Mitwelt immer wieder überraschte. Aber auf derartige Einwände hatte der Meister eine Antwort parat. Mit der ihm eigenen Bescheidenheit pflegte er zu sagen, auch Gott habe sich schließlich nicht an einen einzigen Stil gehalten, sondern die Giraffe, den Elefanten und das Auto erschaffen.

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