Kultur : Picknick mit Geige

Janine Jansen gibt morgen ihr Debüt bei den Berliner Philharmonikern

Christiane Tewinkel

Janine Jansen ist die Yvonne Catterfeld unter den jungen Spitzengeigerinnen, sehr hübsch, sehr begabt, sehr erfolgreich und von äußerst angenehmem Wesen, eine junge Frau, wie man sie sich als Kind zur älteren Schwester wünscht, zur Musiklehrerin oder zur bewunderten Solistin, die sich ohne weiteres vor ein Begleitensemble aus vierhundert Sechs- bis Vierzehnjährigen stellt und mit ihnen zusammen einen Satz aus Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ spielt. So hat es Janine Jansen vor anderthalb Jahren in Utrecht getan. An eine Krise der Klassik glaubt die niederländische Geigenvirtuosin im übrigen nicht. Sie hat eher das Gefühl, dass mehr und mehr jüngere Leute in Konzerte mit klassischer Musik gehen. „Ich sehe das nicht so pessimistisch.“

Vielleicht liegt es an ihr selbst und ihrer solide positiven Ausstrahlung. Mit zehn Jahren nahm Janine Jansen an ihrem ersten Wettbewerb teil, den sie sogleich gewann. Mit vierzehn trat sie erstmals mit einem professionellen Ensemble auf, dem niederländischen Rundfunksinfonieorchester. In ihrem Heimatland ist die 28-Jährige längst eine feste Klassik-Größe, bekannt auch dafür, dass sie ihre Vertriebskanäle nicht auf das sogenannte seriöse Konzertwesen beschränken mag: Jansen geht ins Fernsehen, sie spielte beim Thronjubiläum von Königin Beatrix, trat eben vor 15 000 Besuchern eines Prinsengracht-Freiluft-Konzertes auf, und demnächst wird das Amsterdamer Concertgebouw in ihrem Namen einen Kompositionsauftrag vergeben, für ein Violinkonzert. Welche zeitgenössischen Komponisten gefallen ihr? Die Geigerin zeigt auch hier keine Allüren. „Krzysztof Penderecki, Jörg Widmann, Esa-Pekka Salonen.“

Ausgebildet bei Philipp Hirshhorn am Utrechter Konservatorium, das sie 1998 mit dem Diplom verließ, ist Janine Jansen spätestens seit ihrem Londoner Debut mit Vladimir Ashkenazy 2002 eine vielgefragte Solistin auf den Podien der Welt. In der Folge dieses Londoner Auftritts nahm die DECCA sie seinerzeit unter Vertrag – zuletzt erschien eine Aufnahme mit virtuosen Geigengemmen von Tchaikovsky, Saint-Saëns, Khachaturian oder Ravel.

Vladimir Ashkenazy persönlich aber setzte sich damals dafür ein, dass die junge Virtuosin immer neue Einladungen und Auftrittsmöglichkeiten erhielt. Mehr als einhundert Konzerte pro Jahr gibt Janine Jansen inzwischen; in wenigen Wochen spielt sie etwa wieder mit dem London Symphony Orchestra, nächstes Jahr gibt sie ihr Debüt bei den New Yorker Philharmonikern. Alle drei, vier Monate kommt Jansen auch nach Berlin, für die Kammermusikreihe der „Spectrum Concerts“, den Berliner Spiegel gewissermaßen des Utrechter Kammermusikfestivals, das sie selbst gegründet hat und noch immer betreut.

Eine Cremoneser Stradivari von 1727, die ihr als ständige Leihgabe zur Verfügung steht, ist ihr einziges Instrument. Nur die Bögen wechselt sie, „der Bogen macht so viel aus“. Morgen Abend zum Beispiel, wenn Janine Jansen den Solopart im traditionellen Waldbühnen-Konzert der Philharmoniker übernimmt, das dieses Jahr unter dem Motto „1001 Nacht“ steht, wird sie einen Bogen aus der Werkstatt des französischen Bogenmachers Tourte benutzen, „sehr flexibel, obertonreich, strahlend hell und doch satt im Klang“. Zu Jules Massenets berühmter „Méditation“ aus der Oper „Thaïs“, die man getrost edelkitschig nennen dürfte und wie hinkomponiert auf einen lauwarmen Frühsommerabend – wenn sie nicht doch so geschickt geschrieben wäre –, wird das ebenso passen wie zu Camille Saint-Saëns’ spröde-schmissiger, hochvirtuoser Introduktion und Rondo capriccioso op. 28, die Janine Jansen zum ersten Mal im zarten Alter von zwölf Jahren spielte.

Was sie anziehen wird beim diesjährigen Philharmoniker-Picknickkonzert, ist indessen noch ungeklärt. Wieder ein Kleid von Escada? Die Geigerin schätzt es gediegen. Oder doch eher eine Robe aus holländischen Modedesignstuben? Jansen weiß es noch nicht. Ob sie ihre Kleider auf ihr Repertoire abstimmt, darüber müsste sie im Zweifelsfall sowieso erst nachdenken. Könnte durchaus sein. Nervös ist sie derweil nicht vor ihrem Auftritt. „Es ist ein Traum, mit einem solchen Orchester spielen zu dürfen.“

Morgen Abend, Waldbühne, 20 Uhr. Wenige Restkarten unter Tel. 254 88 999.

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