Kultur : Picknick mit Mahler

Wie Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker die Londoner Kulturszene rocken

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The best in the business. Rattle und die Philharmoniker diese Woche im Barbican Centre. Foto: Mark Allan
The best in the business. Rattle und die Philharmoniker diese Woche im Barbican Centre. Foto: Mark Allan

Morgens um halb elf ist in der Royal Festival Hall schon jede Menge los. Bars und Shops sind geöffnet, Freunde treffen sich auf einen Kaffee, Studenten nutzen das freie WLan, um an ihren Laptops zu arbeiten, und aus dem Londoner Nieselregen streben Mütter mit Kleinkindern herein. An die 200 Buggys stehen schon im Foyer, einige Stufen weiter unten animiert ein Schauspieler die Kids zum Mitklatschen. Auf den Stühlen, die an den Kassenschaltern aufgestellt sind, haben derweil Menschen mit dicken Büchern und hoffnungsfrohem Gesichtsausdruck Platz genommen. Wenn sie Glück haben, werden sie in acht Stunden ein Return Ticket ergattern, eine zurückgegebene Eintrittskarte für die seit einem Jahr ausverkaufte Aufführung von Gustav Mahlers 3. Sinfonie mit den Berliner Philharmonikern und Simon Rattle.

London ist die Stadt mit dem weltweit größten Angebot an klassischer Musik. Hier gibt es noch mehr Konzertsäle als in Berlin, sieben bedeutende Sinfonieorchester haben hier ihren Stammsitz. Und doch steht die britische Musikszene Kopf, wenn sich Besuch aus der deutschen Hauptstadt ankündigt. Diverse Zeitungen und die BBC haben ihre Kritiker vorab nach Berlin geschickt, um in der Philharmonie schon einige der vier Gastspiel-Programme erleben zu können, die neben der 3. auch Mahlers 4. Sinfonie umfassen, dazu Kammermusikalisches, Schuberts Große C-Dur-Sinfonie und Strawinskys „Apollon Musagète“, ein neues Werk von Toshio Hosokawa sowie – als charmante Reverenz an die britische Metropole – eine der Londoner Sinfonien von Joseph Haydn.

„The best in the business“ betitelt die „Times“ ihren zweiseitigen Vorbericht. Auf die „am heißesten herbeigesehnten Konzerte der Saison“ unter Leitung des „mighty Brit“ freut sich der „Guardian“. Und auch der „Telegraph“ vermeldet „eine Aufregung wie sonst nur vor einem Papstbesuch“ – und feiert zudem ein Wunder, das die Berliner ungewollt vollbracht haben: dass nämlich zum ersten Mal in der Geschichte die beiden größten Rivalen der Londoner Kulturszene zusammen arbeiten – das Southbank Centre (mit der Royal Festival Hall) und das Barbican –, um die enormen Kosten dieser mehrtägigen residency schultern zu können.

Spannender als der innerstädtische Konkurrenzkampf ist jedoch der Einblick in ein Kulturleben, das so ganz anders organisiert ist als in Deutschland. Zu Abonnements lassen sich die freiheitsliebenden Briten grundsätzlich nicht überreden. Das zwingt die Veranstalter, ihre Konzerte so interessant zu gestalten und so klug zu vermarkten, dass sie ihre Kunden ausschließlich im freien Verkauf finden. Auf diese Weise kommt aber jedes Mal auch ein Publikum zusammen, das sich ganz bewusst für diesen konkreten Abend entschieden hat - und der Darbietung deshalb mit ganz besonderer Aufmerksamkeit folgt.

Einen Grund, sich festlich zu kleiden, sieht man in London allerdings selbst bei Großereignissen wie dem Philharmoniker-Gastspiel nicht. Weil das Barbican wie die Southbank Kulturzentren für alles und jeden sind, öffentliche Räume, in denen man sich von morgens bis abends ungezwungen bewegt, gleichen sie auch vor dem Konzert eher einer picknick area, bevölkert von Menschen, die ihr mitgebrachtes Essen direkt aus der Alufolie löffeln.

Die Philharmoniker, hat „Time Out“- Kritiker Jonathan Lennie pointiert formuliert, sind das einzige Orchester der Welt, dessen Musiker „wie Rockstars“ behandelt werden. Sieht man jedoch, wie sie in den Katakomben des Barbican ungezwungen die Hosen fallen lassen, um sich zwischen Frack-Kisten und Instrumentenkoffern für den Auftritt umzuziehen, wird klar: So eine Tournee (die noch zwei weitere Konzerte in Amsterdam einschließt), ist eben nicht nur eine Reise zu den Groupies im Ausland, sondern harte Arbeit unter verschärften Bedingungen. Schließlich muss der Weltruf jeden Abend aufs Neue verteidigt werden. Die Zeit zwischen der Morgenprobe und dem Auftritt zur typisch britischen Konzertzeit um 19.30 Uhr verbringen nicht wenige Philharmoniker mit stundenlangem Üben im Hotelzimmer.

Vor Mahlers monumentaler Dritter herrscht konzentriertes Schweigen bei der Fahrt im Shuttlebus der Musiker. Umso lauter rumort der Saal in heller Vorfreude. Am Ende springen die Zuhörer sofort von ihren Sitzen auf, lassen alle britische Zurückhaltung fahren und feiern ihren Sir Simon und seine Berliner frenetisch. Da ist es fast schon beruhigend, dass der „Guardian“ tags darauf nur vier von fünf Sternen vergibt und der Kritiker nicht mit allen Details von Rattles Deutung glücklich ist. Auch Klassikgötter sind nicht unfehlbar – und das Londoner Kulturleben dreht sich weiter im Strudel der Ereignisse. In der Donnerstag-Ausgabe der „Times“ hat der seitenlange Jubel über Danny Boyles National-Theatre-Inszenierung des „Frankenstein“ den großen Philharmoniker- Hype jedenfalls schon wieder verdrängt.

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