Kultur : Pico Iyer

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Ein völlig weißer Raum mit Fenstern, die sich zum blauen Ozean, dem blauen Himmel, öffnen; eine schmucklose Klause, die sich durch all jene Dinge auszeichnet, die sie nicht hat: dies ist das Umfeld, das ich versuche überallhin mitzunehmen, an Orte, wo es kaum Gegenstände gibt, die einen fesseln, so dass die Fantasie fliegen und den Raum mit Träumen füllen kann. Ich würde gerne in einem Hotelzimmer leben und schreiben, das sage ich manchmal zum Entsetzen meiner Freunde; da ich die meiste Zeit meines Lebens an ständig wechselnden Orten verbracht habe, sehne ich mich nach nichts als ach Stille und Licht.

In Wirklichkeit kommen diese Zeilen aus einem Zwei-Zimmer-Appartement in einem japanischen Vorort, wo ich ohne Auto und Fahrrad lebe. Während der vierzehn Jahre meine Lebens in dieser westlich gestalteten Umgebung war ich noch nie im Internet und habe noch nie Magazine oder Zeitungen bekommen. Ich lebe hier mit einem Touristenvisum, ohne Fernsehkanal, den ich verstehen könnte, und ohne große Japanischkenntnisse. Diese Sprache scheint so reichhaltig, jenseits der Vorstellungskraft, wie auch Kuba, Tibet, Äthiopien, so viele Orte, die ich geliebt habe und die hereinfluten und den kleinen Raum mit ihren Farben füllen. Ein Kloster in der Welt ist der Ort, wo ich schreibe; unendliche Reichtümer, wie Marlowe sie hatte, in einem kleinen Zimmer.

Pico Iyer, 1957 als Sohn indischer Eltern im englischen Oxford geboren, lebt in Kalifornien und Japan und hat sich als Reisereporter einen Namen gemacht. Auf Deutsch ist bei S. Fischer der Reportageband „Sushi in Bombay, Jetlag in L.A.“ erschienen. (6.9., 19.30 Uhr; 7.9., 18 Uhr, Foyer im HdBF).

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