Kultur : Piepenbrock-Preisträger: Manfred Pernice stellt Skulpturen im Hamburger Bahnhof aus

Nicola Kuhn

Überraschende Wahl, glückliche Fügung: Zu Jahresbeginn ließ die Kulturstiftung des in Berlin lebenden Unternehmers Hartwig Piepenbrock verlautbaren, dass der diesjährige Skulpturenpreis an den spanischen Bildhauer Eduardo Chillida gehe. Die mit 100 000 Mark höchst dotierte Auszeichnung für Plastik in Europa erhält damit ein verdienter Großmeister, der sich ganz in die Reihe seiner Vorgänger - Max Bill, Ernst Hermanns, Franz Erhard Walther, Erwin Heerich und Ulrich Rückriem - einfügt; neu allerdings ist der Schritt in die Internationalität. . Neu ist ebenfalls, dass nicht mehr der Preisträger selbst den Kandidaten für Förderpreis bestimmen soll, sondern eine Jury. Und hier kommt die Überraschung ins Spiel: Die mit Friedrich Meschede, Projektleiter Bildende Kunst des DAAD, Lothar Romain, Präsident der Hochschule der Künste, und Peter-Klaus Schuster, Generaldirektor der Staatlichen Museen, besetzte Runde entscheidet sich für einen Kandidaten, der im wörtlichen Sinne sperrig ist und so gar nichts mit den sonstigen traditionell orientierten Vorlieben des Preisstifters gemein hat.

Glückliche Fügung: Nach einer kontroversen Auseinandersetzung fällt mit Manfred Pernice (Jahrgang 1963) die am Ende doch einstimmige Wahl auf einen der gefragtesten Nachwuchsbildhauer Berlins, dessen Würdigung mit einer Museumsausstellung in Deutschland bislang noch aussteht. Als zweiter Gast im neu eingerichteten "Werk Raum" für junge Kunst im Hamburger Bahnhof ist er die ideale Besetzung und gibt den Interessenten in seiner Heimatstadt Gelegenheit, sein Werk eingehender zu studieren. Man mag es dem Begehrten nachsehen, dass er für seine Berliner Schau bekannte Werke lediglich neu arrangierte: Gleichzeitig ist er auf der "Manifesta", der Biennale für zeitgenössische Kunst in Ljubljana, zu sehen, parallell schuf er für die Reihe "Außendienst" in Hamburg einen Beitrag im öffentlichen Raum und bereitet er sich außerdem, nach Abbau seiner Schau im Frankfurter Portikus, auf eine im August beginnende Einzelausstellung in der Kunsthalle Zürich vor.

Vier Werkkomplexe zeigt der gebürtige Hildesheimer in dem Obergeschoss des Ostflügels, wie ein Choreograph hat er sie im Raum platziert. An diesen Nuancen läßt sich die höchst präzise Arbeitsweise HdK-Absolventen ablesen, der die Einzelelemente zu bestechenden Konfigurationen zusammenfügt. Sein Material ist die Pressspanplatte, seine Form die des Zylinders oder Kubus. In diesem Sinne ist er klassischer Bildhauer, der sich mit Fragen der Formgebung, des Raums, der Verdrängung beschäftigt. Seine Arbeiten wären kaum ohne die Vorgänger der kubistischen, dadaistischen, konstruktivistischen Skulptur vorstellbar. Und so war sein Tatlin-Turm, eine der bemerkenswertesten Arbeiten der "Berlin-Biennale", auch als Hommage an die frühen Vorväter gedacht.

Ihre Blutzufuhr aber erhalten Pernices abstrakte Skulpturen durch ihre Anbindung an das gelebte Leben, an alltägliche Erfahrungen. So richtete der Künstler wie im Frankfurter Portikus auch im Hamburger Bahnhof ein sogenanntes Dosenfeld ein, eine Gesellschaft aus Sperrholzbrettern zusammengehämmerter Zylinder, die zum Teil sehr konkrete Bedeutungen haben. Die Nummer 75 etwa ist dem Preisstifter gewidmet, dessen Konterfei auf einer Kunstbroschüre an der Wand befestigt wurde, die Nummer 223 würdigt einen Mauertoten, der nur wenige Meter vom Ausstellungsort entfernt 1962 bei seinem Fluchtversuch verstarb. Für die Aufdeckung solcher Bezüge braucht der Betrachter Beharrungsvermögen; erst nach und nach stellen sich die Zusammenhänge her. Was es mit der ebenfalls aufgehängten "Tagesspiegel"-Abonnentenwerbung auf sich haben soll, bleibt allerdings offen.

Pernices Skulpturen lassen sich immer auch als Kommentare auf gesellschaftliche Zustände, topografische Gegebenheiten lesen. Einfach "Stralau", genau so wie die zwischen Treptow und Lichtenberg gelegene Halbinsel, ist jener Holzverhau betitelt, der die Umbruchsituation und Tristesse des einstigen Ausflugsziels beschreibt. Ein lila Teppichrest und die den heute dort florierenden Straßenstrich symbolisierende Seite eines Sex-Magazins sind die einzigen Farbtupfer inmitten dieser mit kaltem Bürolicht bekrönten Konstruktion. Aufschlussreich auch Pernices Sicht auf "Europa": ein gedrungener Verschlag mit vielerlei Öffnungen und Durchgängen. Für eine polnische Ausstellung gemacht, gelangte die Arbeit über die Schweiz nach Berlin. Manchmal geht die Kunst selbst eben jene Wege, die sie darstellt. Auch Pernice ist ein Reisender; es bleibt ihm zu wünschen, dass er mit dem Preisgeld von 25 000 Mark wieder genügend Zeit zum Innehalten findet, um auf jene Orte und Situationen lauschen zu können, die in seinen Skulpturen Gestalt gewinnen.

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