Kultur : Piepsende Schlossgespenster

Jenni Zylka

hört Klassik lieber vom Heimcomputer Bald kommt wieder die Zeit, in der allein der Wind durch die Straßen fegt. In der jede Menge Menschen plötzlich auf überfüllte Touristeninseln fliegen, weil sie sich vom Berliner Wetter persönlich angegriffen fühlen. Für alle wehleidigen Sonneküken ist das folgende Wochenende eines der letzten, an dem die gefährliche UV-Strahlung noch mal kräftig die Lederhaut polieren könnte.

Vor und im Schloss Lanke in Lanke, einem malerischen Ort 35 Minuten (mit dem Auto) vom Alexanderplatz entfernt, wird bis in den September hinein draußen und drinnen gefeiert, um mal ein fast schon ausgestorbenes Wort zu nutzen, das sich neuerdings oft schüchtern hinter „loungen“ und „chillen“ versteckt. Dabei ist es nichts anderes, was dort passiert: Auf einer hügeligen Parkwiese vor dem Gebäude aus dem 19. Jahrhundert, mit allen romantischen und märchenhaften Features, die so ein Bau mit sich bringt, kann man am Samstag und Sonntag Bands und DJs angucken – Mittekill , von wohlmeinenden Experten als elektronischer „Rotzlöffelpop aus dem Hinterhof“ beschrieben, von weniger wohlmeinenden, aber immer noch freundlichen Zuschauern als Elektro-Schlagerpaar mit Modernitäts-Appeal verstanden, spielen am Samstag, am Sonntag wird es mit DJ Monobody und dem Electro-Dub-SongDuo Hey-O-Hansen etwas rustikaler in Sound und Attitude. Noch besser vermischt ist das Modische mit dem Altmodischen allerdings in dem heimlichen Topact der Schloss-Lanke-Tour: Jeremy Clarkes 40-konsoliges Atari-Computer-Orchester , das am Samstag passend zur Umgebung klassische Kompositionen spielen wird – unter anderem Stravinsky, Vivaldi, Brahms, Bartok, Ravel – die schrecken vor nichts zurück, die Geräte. Am Sonntag hat der Dirigent seine Untergebenen dann zur Aufführung von Eigenkompositionen programmiert, für die Gäste, denen die Atari-goes-Klassik-Idee ein zu großer Frevel ist.

Um bei den Partygästen mit etwas Nischen-Wissen glänzen zu können: Nachdem das Schloss von allen Schlossherren und -fürsten verlassen war, diente es während der DDR-Zeit als Irrenanstalt, in die man neben anderen die Klassenfeinde steckte. Und genau die Kumpel jener Klassenfeinde machen ihre Fete jetzt mittenmang, mithilfe altmodischster Unterhaltungsindustrie.

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