• Pierre Assouline erzählt von einer Denunziantin, die Juden verriet, weil sie Opfer war

Kultur : Pierre Assouline erzählt von einer Denunziantin, die Juden verriet, weil sie Opfer war

Stephan Reinhardt

Pierre Assouline lässt die Geschichte bedächtig angehen. Er schildert, wie er bei den Recherchen zu George Simenon auf Widerstände stößt. Als er nachprüfen will, ob der nichtjüdische Franzose Simenon 1941 als Jude denunziert worden sein, wird ihm Akteneinsicht verweigert. Mit Mühe erwirkt er übers Kulturministerium Zugang zu den Dokumenten. Dabei entdeckt er zufällig in einem der Ordner den Hinweis auf eine Denunziation. Angezeigt worden war die Familie Fechner, aus Polen eingewanderte Kürschner, die ihren Pelzladen trotz "Arisierung" heimlich weiterführten. Die Fechners waren deportiert und im KZ ermordet worden - alle, bis auf Henri Fechner und seinen Sohn Francois, die das Geschäft zurückerhielten.

Diese beiden aber sind der Onkel und der Vetter von Assoulines Frau. Assouline romancierte die Geschichte - und es entstand ein spannender Roman, der in die Jahre von 1940 bis 1944 zurückführt. Der Erzähler setzt sich gegen die Legende zur Wehr, die meisten Franzosen seien in der Résistance gewesen. In Wahrheit passten sich vom Autohersteller Louis Renault über die Schauspielerin Arletty viele dem antisemitischen Zeitgeist an. Die meisten waren vielmehr Opportunisten. Als der Erzähler erfährt, welche Nachbarin die Denunziantin war, verfolgt er sie. Noch immer betreibt sie in der Nähe der Fechners ihr Blumengeschäft. Systematisch, Tag und Nacht setzt der Ich-Erzähler ihr mit Briefen und anonymen Telefonanrufen zu. Er will das Motiv für ihre unmenschliche Tat erfahren.

Als er sie in einem Bus konfrontiert: "Sie haben während des Krieges Juden denunziert", antwortet sie: "Der Krieg, das war Leid für jeden von uns." Sie hatte Angst. Verblüfft über die fehlende Reue forscht Assouline weiter. Er stößt auf einen überraschenden Hintergrund: Die Denunziantin war keineswegs Antisemitin. Ihr Bruder war in deutscher Gefangenschaft, ein Arisierungs-Inspektor hatte sie erpresst. Und sie, sie hatte denunziert, um den Bruder zu retten.

Assouline, Herausgeber der Zeitschrift "Lire", hat mehrere Biographien verfaßt. Das Leben, sagt er hier, war nicht "schwarz-weiß", sondern "grau". Die wahre Natur des Bösen, bestand aus dem Bösen, "das man tut, und dem Bösen, das man erleidet, so lange, bis beide miteinander verschmelzen". Pierre Assouline ist 1953 als Sohn sephardischer Eltern in Casablanca geboren. Sein Vater war in der Résistance. Dennoch, er relativiert nichts. Schuld bleibt Schuld. Assouline erzählt seinen wunderbar übersetzten Roman stilsicher. Eine geglückte Mischung aus Aktion und Reflexion.Pierre Assouline: Die Kundin. Roman. Persona Verlag, Mannheim 1999. 298 Seiten, 34 DM.

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