Pierre Boulez Saal : Die lange Nacht der Klarinette

Farben und Figuren: Jörg Widmann, Kinan Azmeh und neun weitere Musiker zeigen im Pierre Boulez Saal, was alles in der Klarinette steckt.

von
Jörg Widmann
Jörg WidmannFoto: Marco Borggreve

Ein „Wunderinstrument“ ist die Klarinette: Sie schmeichelt, lockt, zaubert Stille, um sie dann schrill zu zerreißen. Sie kokettiert, klagt beredt, spielt Clown und Dämon. Sie ist die heimliche Liebe vieler Komponisten, die mit ihr den solistischen Paradepferden Klavier oder Violine ein Schnippchen schlagen können. Mozart war einer ihrer frühen Fürsprecher, und so eröffnet sein Adagio F-Dur für B-Klarinette und drei Bassetthörner die Klarinettennacht im Pierre Boulez Saal, uneinholbare Harmonie und Maßstab der folgenden Kompositionen.

Weltklasse-Klarinettist und Komponist Jörg Widmann und sein auch als Improvisator erfolgreicher Kollege Kinan Azmeh aus Damaskus stemmen mit neun anderen Klarinettisten ein Programm, das den ganzen Farb- und Ausdrucksreichtum des Instruments abbildet. Nach Mozart ist dies ausschließlich der Moderne anvertraut. Igor Strawinsky hat es Widmann angetan; die fünf Takte des Stückchens „Pour Pablo Picasso“, 1917 für den großen Maler auf einer Postkarte notiert, erfüllt er mit Melancholie. Für die Skurrilität der „Berceuses du chat“ fehlt Mezzosopranistin Natalia Skrycka ein wenig Textnuancierung; eindringlicher entfaltet sich die Stimme in der zwölftönigen „Elegy for J.F.K“ auf den Tod Kennedys. Behutsame Live-Elektronik gibt „Black Mirrors III“ von Gerhard E. Winkler Vielschichtigkeit.

Melodik des Orients

Widmanns eigene „Schattentänze“ erzeugen Echowirkungen mit virtuosen Überblasungstechniken oder raffiniert hingehauchte „Unterwasserklänge“. Sie beziehen sich auf „Dialogue de l’ombre double“ von Pierre Boulez. Dessen „Domaines“ von 1968 spielt Shirly Brill mit eindrucksvoller Akribie. Zwölf Charakterstudien der Ruhe, Erstarrung und nervösen Bewegung. Jussef Eisa macht nicht weniger intensive Figur mit „Gra“ von Elliott Carter. Bevor es zum gut gelaunten Ausklang „New York Counterpoint“ von Steve Reich für elf Klarinetten kommt, setzt sich „A Muffled Scream“ von Kareem Roustom von solch wohl strukturierter, geistreicher West-Musik radikal ab: Gesampelte Einspielungen von Stimmengewirr und Motorengeräuschen suggerieren die Schockzustände des Syrienkriegs. Eindringlicher wirkt das ausdrucksvolle Spiel Kinan Azmehs. Sein eigenes „Prayer, Tribute to Edward Said“ zeigt sich mit zarten Trauertönen in der Melodik des Orients verwurzelt.

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