Pierre Mac Orlans „U-713 oder Die Unglücksritter“ : Das verliebte Unterseeboot

Durchgedrehte Groteske über die deutsche U-Boot-Begeisterung: „U-713 oder Die Unglücksritter“ von Pierre Mac Orlan aus dem Jahr 1917 ist eine großartige Entdeckung.

Erhard Schütz
Immer lässig. Superkapitän Karl, gezeichnet von Gus Bofa.
Immer lässig. Superkapitän Karl, gezeichnet von Gus Bofa.Abbildung: M & S

Die wohl bizarrste literarische Prosa zum Ersten Weltkrieg hat der literarische Tausendsassa Pierre Mac Orlan 1917 in Paris veröffentlicht. Der Pressezeichner Gus Bofa hat sie kongenial illustriert. Nun ist „U-713 oder Die Unglücksritter“ zum ersten Mal auf Deutsch zu haben. Das Ganze ist eine durchgedrehte Groteske über die deutsche U-Boot-Begeisterung just zu dem Zeitpunkt, als das Reich den uneingeschränkten U-Boot-Krieg erklärte. Zum in Deutschland gerne gepflegten Mythos von der U-Boot-Mannschaft als der idealen Führer-Gefolgschaft in Mensch-Technik-Symbiose, liefert Mac Orlan die Farce. Denn U-713 ist in gefährlicher Geheimmission unterwegs, vom Kaiser persönlich beauftragt, so geheim allerdings, dass der selbst nicht weiß, um was es sich handelt.

Pierre Mac Orlan, unter dem Namen Pierre Dumarchais 1882 im nordfranzösischen Département Somme geboren und 1970 in der Île-de-France gestorben, hatte, nachdem er jahrelang durch Europa vagabundiert war, selbst am Krieg teilgenommen. 1918 wurde er schwer verwundet und reiste anschließend als Kriegskorrespondent durch Deutschland. Er war befreundet mit Guillaume Apollinaire und Max Jacob, und er schrieb die Romanvorlage zu Marcel Carnés berühmtem Film „Hafen im Nebel“. Die Besatzung unter dem metaphysikgeplagten Käpt’n Karl und Dichter-Leutnant Minerva ist denkbar exotisch. Zu ihr gehören der Schiffshund Schrapnell, eine komplette Rugby-Mannschaft, ein Beauftragter fürs Tontaubenschießen, ein Zahnarzt, der arg wie Joseph Goebbels aussieht, und ein fußloser Pfeifenspieler. Das Schiffstagebuch währt zwar nur von Januar bis Ende März, verzeichnet jedoch allerlei Unglaubliches.

Die militärische Version von Jules Vernes Nautilus

„Der Meeresboden ist in einem ungeordneten Zustand. Viel zu viel Unrat, ungenutzte Schätze. Außerdem ist es zu feucht und ungelüftet.“ Die militärische Version von Jules Vernes Nautilus begegnet im Lauf ihrer Reise unter anderem einem Maler für Unterwasserstücke, dem Garstig-, dem Maschinenhammer- und dem Löschpapier-Fisch, ja sogar einer anakreontischen Litotes, dann aber auch dem Fliegenden Holländer, den Käpt’ns Kid und Flint, auch ein Blackbeard darf nicht fehlen. Anschließend torpediert man, als Lazarett-U-Boot getarnt, Barbados, Trinidad und Tobago, wenngleich recht ergebnislos. „Mein U-Boot ist wirklich anders als alle anderen“, stellt Käpt’n Karl fest. In der Tat, als man in der Bucht von Maracaibo Station macht, verliebt sich U-713, dem „vor lauter Ekstase sämtliche Schutzklappen offenstehen“, in die singende Adorata.

Hatte es sich zuvor schon als eitel und geschwätzig erwiesen, zeigt das Boot – nun sozusagen mit fliegenden Fischen im Bauch – Gelehrsamkeit und wird obendrein unbotmäßig. Es übernimmt selbst das Kommando und taucht im Golf von Mexiko endgültig unter. Käpt’n Karl entkommt im letzten Moment samt Bordbuch per Schleudersitz, fällt aber US-Patrioten in die Hände und folglich mit einer Schlinge um den Hals, glasigen Auges und den Füßen voran ins Leere.

Mac Orlans nietzscheanisches Über-U-Boot

Mac Orlan verspottet mit diesem nietzscheanischen Über-U-Boot jegliches deutsche Sendungsbewusstsein und Superioritätsgefühl. Gleichwohl ist das Ganze kein antideutsches Pamphlet, sondern eine wilde Mixtur aus Dada, Surrealismus, schlichtem Jokus, literarischen Anspielungen und allerlei Hinterhältigkeit – allerdings mit ernstem Kern. Mac Orlan betreibt eine Kritik der totalen Maschinisierung, nicht nur: des Krieges.

Er führt maschinisierte Menschen und vermenschlichte Maschinen vor, die sich dabei aber nicht humanisieren, sondern bestialisieren. Er tut das, indem er konsequent alle Kultur, deutsche wie französische, als das vorführt, was sie angesichts solcher Entwicklungen wird – entwertet.

Ein Nachsatz: Pierre Mac Orlans Werk war in der Zwischenkriegszeit in Deutschland mit den Monografien zu Künstlern wie Maurice de Vlaminck oder Félicien Rops, aber auch mit der Prohibitions-Reportage „Die Alkoholschmuggler“ (1927) sehr präsent. Zumindest eines seiner Bücher aber müsste unbedingt neu aufgelegt werden – der Nazideutschland abgründig porträtierende Fotoband „Berlin“ von 1935, der momentan, wenn überhaupt, nur sündhaft teuer im Antiquariat zu haben ist.

Pierre Mac Orlan, Gus Bofa: U-713 oder Die Unglücksritter. Aus dem Französischen von Nicola Denis. Matthes und Seitz, Berlin 2014. 160 Seiten, 19 €.

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