Pierre Soulages : "Schwarz ist die aktivste Farbe überhaupt"

Für Schulen und Bewegungen in der Malerei hat er sich nie interessiert. Seine Welt ist das Outrenoir, das "jenseitige Schwarz": Ein Gespräch mit dem französischen Maler Pierre Soulages.

Pierre Soulages.
Pierre Soulages.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Monsieur Soulages, erinnern Sie sich noch, wie Sie Ihr erstes vollkommen schwarzes Bild gemalt haben?

Meine Werke sind nicht ganz schwarz. Das erste Werk, das ich so gemalt habe, ist nicht mit der Farbe Schwarz gemalt, sondern mit den Reflexionen, die die Farbe Schwarz erzeugt hat. Ein geheimnisvolles Licht, das mich bewegt hat. Bis heute bin ich auf der Suche nach diesem Licht.

Gab es denn ein Initiationserlebnis für Sie?

Das war im Januar 1979. Ich habe an einem Bild gearbeitet, mit dem ich nicht weiterkam, das ich auch nicht mochte. Da habe ich mir gedacht: Ich bin doch kein Masochist. Es muss doch einen Grund geben, warum ich an diesem schwarzen Ding immer weiterarbeite. Ich habe mich schlafen gelegt, und nach dem Erwachen habe ich erst gesehen, was passiert war: Ich hatte nicht mit Schwarz gemalt, sondern ich habe über die Reflexionen der Farbe Schwarz das Licht gemalt. Für mich hat sich da ein unermesslicher Weg eröffnet. Und diesen Weg beschreite ich weiter. Es gibt ein Sprichwort, das ich mag: In dem Moment, in dem man den Weg oder die Richtung verliert, findet man einen neuen Weg.

Warum wollten Sie daraufhin keine anderen Farben mehr benutzen?

Ich habe in dem Moment alle Farben in mir gehabt. Ich habe Fenster für eine romanische Kirche des 12. Jahrhunderts entworfen aus einem völlig unfarbigen Glas, ein Glas, das ich selbst entwickelt habe. Das Licht lässt die Farben erst entstehen. Man sieht von weitem nur ein opakes, undurchsichtiges Glas. Ich habe es so modelliert, dass sich Felder ergeben, in denen das Licht mal stärker, mal schwächer durchscheint. Ich hatte eigentlich nur nach einer Variation der Lichtintensität gesucht und so die Farbe wieder gefunden. Denn wenn das Licht hereinfällt, ist es plötzlich blau, und wenn es fehlt, wird es plötzlich rötlich-orange. Wo ist das Blau hin?, habe ich mich gefragt. Als ich dann nach draußen auf die andere Seite des Glases gegangen bin, habe ich dort die Reflexion des Blaus wieder gesehen. Ich habe gemerkt, dass ich Glasfenster entwickelt habe, die von beiden Seiten unterschiedlich sind. Das Kloster von Conques ist der einzige Ort, an dem es solche Fenster gibt.
In meinem ganzen Leben war das so, während meiner ganzen Laufbahn. Ich bin einfach offen für alles, das zu mir kommt. Ich habe keine Theorie oder Erwartung.

Was bedeutet das Schwarz für Sie? Hat es tatsächlich keine metaphysische Bedeutung? Oder ist es nur die rein visuelle Erfahrung?

Schwarz hat eine tragende Rolle, etwa im sozialen Kontext. Aber das hat nichts mit der Malerei zu tun. Offizielle Amtsträger tragen etwa Schwarz; zugleich ist es die Farbe der Anarchisten. Im Westen ist Schwarz die Farbe der Trauer, dagegen ist im Osten Weiß die Farbe der Trauer. Die Farbe Schwarz ist auch eine Farbe des Festes: der Abendrobe bei den Damen. Schwarz steht für den Luxus, aber auch für das Gegenteil: Bei einer Benediktinerin, die eine schwarze Kutte trägt, ist es die Farbe der Strenge und Kargheit.
In der Malerei ist das etwas anderes. Da ist Schwarz die aktivste Farbe überhaupt. Wenn man Schwarz neben eine dunkle, aber andere Farbe setzt, dann wird diese Farbe heller. Als ich Kind war, habe ich mit einem Pinsel schwarze Tuschestriche auf ein Papier gemalt. Als man mich fragte, was ich da male, habe ich geantwortet: Schnee. So wurde mir jedenfalls erzählt, und alle haben darüber gelacht. Meine Intention was es das Weiß des Papiers durch die Farbe Schwarz weißer leuchten zu lassen.

Was bedeutet dann der Begriff "Outrenoir" für Sie?

Wenn ich von der Farbe Schwarz spreche, meine ich die optische Farbe Schwarz. Wenn ich von Outrenoir spreche, vom jenseitigen Schwarz, dann meine ich ein mentales Feld. Das ist kein physisches Phänomen. Das sind zwei verschiedene Dinge.

Steckt dahinter nicht genau die Metaphysik?

Wie der Name sagt, es geht über die Physik hinaus.

Kann man nicht auch eine spirituelle Erfahrung machen bei der Betrachtung Ihrer Bilder?

Ich habe schon 1948 im Rahmen des Kataloges "Französische abstrakte Malerei" geschrieben, dass Malerei ein Feld ist, in dem sich Formen organisieren und wieder auflösen. Es ist davon abhängig, was man hineininterpretiert. Aber ich habe von einer Sache gesprochen. Jeder muss den Sinn für sich selber finden. Heute möchte ich den Betrachter dazu bringen, so wie der Maler mit dem Bild alleine zu sein

Was sind Ihre kulturellen Quellen? Ich habe gelesen, dass für Sie keltische Skulpturen, Menhire in der Bretagne, die Höhlenmalerei ein Bezugspunkt sind. Wie ist das zu verstehen?

Als ich 15 Jahre alt war, gefiel mir überhaupt nicht, wie damals über Kunst gesprochen und gedacht wurde. Damals ging es um die Illusion der Realität, nicht um deren Präsenz. Für mich aber ist die Präsenz wichtig, nicht die Illusion. Deshalb habe ich mich auch für die Ursprünge der Malerei interessiert, die Höhlenmalerei. Über viele Jahrhunderte sind die Menschen an die dunkelsten Orte gegangen, unter die Erde, in Grotten, um dort mit der Farbe Schwarz zu malen. Es gab zwar auch ein wenig Weiß und etwas Rot, aber vor allem Schwarz. Ich finde das sehr bewegend. Viel später erst gab es für mich die Initialzündung, mit Schwarz zu malen. Dahinter steckt kein kausaler Zusammenhang. Schon als ich Kind war, habe ich die Kraft und das Potenzial dieser Farbe geliebt.

Wie entwickeln Sie Ihre Kompositionen? Arbeiten Sie mit dem Goldenen Schnitt?

Der Goldene Schnitt, phhhh!!!! Ich arbeite nicht nach rationalen Mustern, militärischen Maßen. Ich arbeite intuitiv. 1:2, 1:4, das ist doch langweilig, so zu arbeiten.

Sie sind ein Künstler von beeindruckender Vitalität und arbeiten noch jeden Tag. Wie schaffen sie das?

Le desir! Die Leidenschaft. Ich habe immer noch die Leidenschaft.

Wenn Sie heute in Berlin ausstellen, was bedeutet das für Sie? Einerseits haben Sie die Deutschen während des Krieges als Besatzungsmacht erlebt, andererseits brachten Ihnen die Einladungen zu den ersten drei Documentas in Kassel den internationalen Durchbruch?

Für die große Ausstellung "Französische abstrakte Malerei" hat man ein Motiv von mir als jüngstem Künstler für das Plakatmotiv gewählt. Das hat mich bekannt gemacht. In Deutschland hatte ich meine erste Retrospektive in Hannover, organisiert von Werner Schmalenbach. Der Krieg war für mich und meine Familie eine Katastrophe. Der Süden Frankreichs wurde besetzt. Das war der Moment, in dem ich nicht mehr mitmachen konnte. Auch nicht als Soldat. Als ich zur Zwangsarbeit nach Deutschland geschickt werden sollte, habe ich mir gefälschte Papiere besorgt und bin in den Untergrund gegangen. Aber ich war auch vorher schon Anti-Faschist, Anti-Nazi, doch niemals Kommunist.

Francis Picabia hat zu Ihnen als junger Mann gesagt, als Ihre Bilder sah: "In Ihrem Alter und mit dem, was Sie machen, werden Sie bald viele Feinde haben." Hatte er Recht?

Nein, ich habe viele Freunde. Ich habe später gehört, dass dies schon Pissaro zu ihm gesagt haben soll. Über die Kunstgeschichte wurde das immer weiter gegeben.

Haben Sie selbst diese Bemerkung auch einmal gegenüber an einen jungen Maler angebracht?

Nein.

Sie haben viele Auf- und Ab-Bewegungen der Malerei erlebt: Mal war sie hoch gefragt, mal dominierte wieder eine politische oder auch eine konzeptuelle Kunst, mal war eher abstrakte, mal figurative Malerei tonangebend. Beobachten Sie solche Entwicklungen? Oder sind sie für Ihr eigenes Schaffen vollkommen irrelevant?

Das interessiert mich schon. Ich beobachte das von weitem. Aber ich habe meinen eigenen Weg, den gehe ich, ungeachtet dessen, was rundum passiert. Seit 1947 habe ich diesen Weg eingeschlagen. Ich bin eben so, auch im Leben.

Insofern haben Sie sich auch nie einer Richtung zugehörig gefühlt?

Ich hasse Schulen und Bewegungen. Nein, ich habe niemals dazugehört. Aus diesem Grund fand man mich auch nie besonders sympathisch. Für mich ist ohne Interesse, wenn etwas unter einen gemeinsamen Begriff gestellt wird. Ich suche eher das Einzigartige. Zum Beispiel im Impressionismus: Manet, Pissaro. Was haben die beiden gemeinsam? Manet ist Manet, und Pissaro ist Pissaro.

Das Gespräch führte Nicola Kuhn, Übersetzung: Ute Weingarten.

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