Kultur : Pierrot mit Pappnase

Kammeroper Schloss Rheinsberg: Sänger aus acht Nationen beleben Verdis „Falstaff“

Sybill Mahlke

Sollen wir unseren Augen trauen? Wer vor der Opernpremiere noch ein Stündchen Zeit hat, begrüßt des Märkers Freuden und sein viel besungenes Heimatland, die Mark, wo sie am schönsten ist, mit einer Dampferfahrt. Das Schiff gelangt vom Grienericksee, dessen Wahrzeichen das Schloss des Kronprinzen Friedrich ist, in den Rheinsberger See. Während die sanfte Landschaft gerade mit dem alten „Mark Brandenburg, ich grüße dich“-Gefühl die Seele füllt, taucht am Ufer diese neue Ortschaft auf: Hafendorf Rheinsberg genannt. In der märkischen Streusandbüchse eine architektonische Konfiserie. Naturgemäß nicht nur Geisterstadt zum Staunen, sondern Urlaubsheimat zum Wohnen. Die meisten Häuschen seien schon verkauft, heißt es.

Nun will es die Witterung, dass wir die Marina sogleich aus der Nähe betrachten dürfen. Denn die Kammeroper Schloss Rheinsberg sieht sich wegen der Nässe im Heckentheater genötigt, ihre „Falstaff“-Produktion in den Saal zu verlegen. Schade. Der Rhin als Themse – das wäre fein gewesen und wartet auf besseres Wetter. Mit Shuttle-Bussen geht es auf der Straße nach Zechlinerhütte zu der Ferienanlage, die einer amerikanischen Filmkulisse ähnelt, in der sich Reales mit Virtuellem mischt. Vor dunklen Kiefernwäldern ein starkes Stück. Das Ganze ist vorläufig noch im Entstehen, so dass der Eingang in die Spielstätte, eine Mehrzweckhalle mit circa 1000 Plätzen, über Baustellen erreicht wird.

Hier aber gilt es nun endlich der Kunst. Als Künstlerischer Leiter des Internationalen Festivals junger Opernsänger mit deutlicher Sympathie empfangen, tröstet Siegfried Matthus die Natur- und Opernfreunde über den Ortswechsel hinweg. Und das Publikum wird nicht enttäuscht. Verdis Spätwerk auf das Boito-Libretto jongliert mit einem Doppelsatz männlicher und weiblicher Stimmen, ein Ensemblestück par excellence, überindividuelle Vielfältigkeit. Als Preisträger des Rheinsberger Gesangswettbewerbs haben Interpreten aus 16 Nationen die Chance gewonnen, in den Festivalaufführungen dieses Sommers dabei zu sein. Die Mitwirkenden des „Falstaff“ (in deutscher Sprache) kommen aus acht Ländern.

Regisseur Kay Kuntze versteht sich darauf, die unterschiedlichen Charaktere im Geist der Commedia zu vereinen. Er treibt die Gruppen der Einwohner von Windsor, die dem dicken Ritter John Falstaff das Leben schwermachen, in der Halle herum, viel Turbulenz, Eigendynamik, keine Überinterpretation. Für die Bühne hat Martina Feldmann ein paar gestutzte Bäumchen als Heckenersatz eingesetzt, dazu wenige Möbel, aber prächtige Kostüme. Pappnase, große Ohren, winzige Faschingshütchen sind erlaubt, erwachsene Diener (Janis Kursevs, Jae-Won Yang) haschen wie die Kinder, oder die Akteure tun so, als ob. Das alles geschieht ohne experimentellen Ehrgeiz der Inszenierung, aber in guter unterhaltsamer Praxis. In der Titelrolle gelingt es Takeshi Hatsukano allerdings selten, Mittelpunkt der Handlung zu sein, weil ihm nicht nur stimmlich die charmante, unverschämte, süße Natur eines Sir John abgeht. Unter den Frauen (Karin Nybom, Mariana Ossandon, Geneviève King) siegt mit klarem Timbre die Israelin Keren Hadar als Nannetta, unter den Männern (Sergey Tkachenko, Michael Axelsson) der Südkoreaner Sung-Kon Kim als Mister Ford mit kontrolliert donnernder Eifersucht. Da die Brandenburger Symphoniker an der Seite der Bühnenbretter sitzen, ist Michael Helmrath um die Koordination nicht zu beneiden. Hier bewährt sich ein Theaterkapellmeister im besten Sinn. Maestro Helmrath indes bezaubert, weil er mehr bietet. Ihm geht es um die Ganzheit der Musik. Den Orchesterklang im Detail modellierend, ist er gehorsamster Diener der Partitur.

Gegen Mitternacht startet der Shuttle nach Berlin. Ade, ihr dunklen Wälder!

Wieder am 14., 15., 17. und 18. August

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