Kultur : Pilgerfahrt Galerie Nierendorf:

die Schau zum Jubiläum

Jens Grandt

„Le Départ“ hat Pablo Picasso ein Farblitho von 1951 genannt. Ein martialischer Ritter auf gepanzertem Ross, gefolgt von seinem Lanze tragenden Pagen, zieht in den Kampf. Es ist eines der Blätter, die der Jubiläumsausstellung zum 55. Jahr der Galerie Nierendorf ein besonderes Flair verleihen. Die Auswahl ist als Pendant zur Ausstellung „Künstlergraphiken aus eigenem Verlag“ gedacht, die Florian Karsch (Stiefsohn des Kunsthändlers Josef Nierendorf, der mit seinem Bruder Karl die Galerie 1920 in Köln gründet) im Winterhalbjahr 2009 zeigte und die auch Werke von 30 zeitgenössischen Künstlern aufnahm. Diesmal ausschließlich Exponate aus den Beständen der klassischen Moderne; sie gehören zum Gründungsmythos der Galerie Nierendorf.

Otto Dix neben Marc Chagall, Max Beckmann neben Lovis Corinth, Feininger, Felixmüller, Heckel, Kirchner, Kokoschka, Kollwitz, Nolde, Pechstein – kaum ein Name der Avantgarde gegenständlicher Kunsttradition fehlt. Und jedes Bild erzählt eine Geschichte. Zu Picassos „Abreise“ (48 000 Euro) hat Karsch herausgefunden, dass die im Werkverzeichnis von Fernand Mourlot als Nummer 201 geführte Lithografie eigentlich fünf Werknummern verdient hätte und zuvor noch drei Arbeiten gleichen Motivs entstanden sind. Picasso hat sich also ausgiebig und anhaltend mit der Symbolfigur des Kriegers beschäftigt. Damals tobte der Korea-Krieg.

Das großformatige Aquarell „Rom. Zu Fuß in die heilige Stadt“ (150 000 Euro) hat Karsch noch von Hannah Höch gekauft. Collagehaft gemalte Eindrücke von ihrer Pilgerreise, die sie 1921 von München nach Rom unternahm. Die erste große Ausstellung der in ärmlichen Verhältnissen lebenden Künstlerin bei Nierendorf brachte den Durchbruch. Mit den Erlösen konnte sie die Hypothek für ihr Häuschen in Heiligensee bezahlen. „Sie hat zum ersten Mal richtig Geld gesehen“, sagt Karsch. Ein Satz, der auch für Grosz und Dix nach ihren Präsentationen in der Hardenbergstraße galt.

George Grosz’ vielfach publiziertes Aquarell „Selbstmörder“ und vier signierte Arbeiten von Otto Mueller, darunter das Farblitho „Zigeunermutter mit Tochter“ (90 000 Euro), stehen für eine Spezialität der Sammlung: Florian Karsch hat die Werkverzeichnisse der Grafiken von Mueller und Dix verfasst. Die Plastik ist mit zwei Arbeiten Ernst Barlachs vertreten. Die während des Nationalsozialismus verpönten Künstler anzupreisen, als kaum einer Geld für Käufe übrig hatte, dazu gehörte Mut. Auf dieser Traditionslinie öffnet sich die Galerie auch der neuen Kunst.

Die letzte Ausstellung galt den expressiven Farbholzschnitten Carl-Heinz Kliemanns. Anke Rische, Filiz Azak, Hugo Hoffmann und andere vertreten die jüngere Generation. Die nächste Schau wird sich dem Russen Maxim Kantor widmen, der bereits in New York, London und Paris ausgestellt hat.Jens Grandt

Galerie Nierendorf, Hardenbergstr. 19; bis 25. 3.; Di - Fr 11 - 18 Uhr.

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