Kultur : Pillendreher

Die 15. Klangwerkstatt entdeckt das Musiktheater

Ulrich Pollmann

Schwarze Chauffeurlimousinen gehören nicht unbedingt zum Neuköllner Straßenbild, aber zum Abschluss der Klangwerkstatt wurde es richtig feierlich. Der türkische Kulturattaché höchst selbst beehrte den Saalbau Neukölln, denn die Kurzoper „Mesir-Pastillen“ der 20-jährigen Sinem Altan wurde uraufgeführt, und Altan studiert in Berlin als Stipendiatin des türkischen Staates. Sehr zur mutmaßlichen Zufriedenheit des Attachés hat sie eine alt- türkische Geschichte bearbeitet: Schön, wie sie den Wahnsinn der Sultanin in Klänge setzt, gekonnt ihr Umgang mit Stimmen. Richtig spannend ist die Geschichte um ein paar geheimnisvolle Pillen allerdings nicht, auch die Inszenierung wirkt leider etwas unausgegoren.

Die Klangwerkstatt aber hatte erstmalig noch zwei weitere Kurzopern in Auftrag gegeben. Georg Katzers Melodram über eine verlassene Fabrik konnte sich ebenso wie Michael Hirschs Monodram „Die Klage des Pleberio“ der Regie von Antje Kaiser erfreuen, die mit wenigen, aber treffsicheren Mitteln stimmige Bilder zu eindringlicher Musik produzierte.

Neben einer Multimedia-Installation von Daniel Kötter und einem interaktiven Internetauftritt besann sich Michael Beil, der künstlerische Leiter, durchaus auch auf das altmodischere Konzert-Segment. Das besondere Profil seines Festivals wird ja im Brückenschlag zwischen Musikschule und Konzertbetrieb deutlich. Immer wieder begeistert hier Gerhard Scherers „Ensemble Experimente“, ein Klangkörper, der dank intensiver Probenarbeit schon mehr als semiprofessionell auftritt – was Katia Tchemberdjis „Strassenmusik“ ebenso zugute kam wie Hannes Zerbes knappes, in seiner klanglichen Intensität faszinierendes „Tension I“.

Die Höhepunkte aber setzte einmal mehr das Ensemble Mosaik: mit den betörenden Klangflächen von Tom Rojo Pollers „Aboretum“ wie mit dem Countertenor Daniel Gloger und Manuel Hidalgos „Kleiner Sammlung“, einer fein auskomponierten Herterophonie-Studie. Jörg Mainkas „Seiltänzer“ schließlich mutete für diese 15. Klangwerkstatt fast programmatisch an: Ein Stück, das à la Boulez beginnt und allmählich subtil-burleske Züge annimmt.

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