Kultur : Pilzköpfe

Verstrahlt: Eine CD-Box versammelt atomaren Pop

Bodo Mrozek

Wenn Pop Stimmungen und soziale Dynamiken unmittelbar in Kultur verwandelt, dann lässt sich das dabei entstehende Material als Geigerzähler für kollektive Hysterie anwenden. Der Abwurf der ersten Atombomben über Japan vor sechzig Jahren hatte sein Echo in den nachfolgenden Dekaden der Popkultur.

Dieser Eindruck jedenfalls entsteht beim Hören der von Bill Geerhart und Ken Sitz herausgegebenen Sammlung „Atomic Platters“ (Bear Family). Die opulent ausgestattete, mit einem großformatigen Begleitbuch versehene 5-CD-Box ist eine absonderliche Reise ins Bikini-Atoll der Popmusik, die selbst Kenner des SpaceAge überraschen dürfte. Rund 150 Ton- und einige Bilddokumente zeugen von der Atombegeisterung, die sich nicht nur in den Raketenflügeln, will heißen: den Heckflossen von Straßenkreuzern und in Nachkriegsvokabeln wie „Atombusen“ widerspiegelte. Noch während in Hiroshima der tödliche Fallout andauerte, ließen in den Strip-Clubs von Los Angeles „Atom Bomb Dancers“ die Hüllen fallen, das Starlet Linda Christians trat als „Anatomic Bomb“ auf, und in den Bonbongläsern der amerikanischen Süßwarenläden lagen „Atomic Fireballs“ aus.

Die gerade neu geborene Popmusik schwankte zwischen Zynismus und Naivität, fast alle machten mit: Elvis Presley gab sein Las-Vegas-Debüt 1956 als „Atomic Powered Singer“, Bill Haley besang das Überleben nach dem Atomschlag in dem chauvinistischen Lied „Thirteen Women“. In der CD-Box unterbrechen immer wieder die Werbespots der „Civil Defense“ die fröhlichen Hillbilly-, Country-, und Rockabillyrhythmen: Man empfahl das Graben von Löchern im Garten zum Schutz vor russischen Atombomben. Die Lieder verwenden als Intro oft das Pfeifen stürzender Bomben und das Dröhnen von Explosionen. Heute hat der Atompop seine Halbwertzeit definitiv überschritten, die Endlagerung waffenfähigen Popmaterials in einer strahlungssicheren Box ist da nur zu begrüßen.

Label-Chef Richard Weize diskutiert heute mit Falko Hennig bei Radio Hochsee über die „Atomic Platters“, Kaffee Burger, Torstr. 60, Berlin-Mitte, 21 Uhr.

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