Kultur : Pina Bausch lässt über eine Liebe tanzen, die keinen Namen trägt

Norbert Servos

Am Anfang rasen die Bilder, als habe jemand nicht nur einen, sondern gleich mehrere Filme zerschnitten und in bunter Folge wieder zusammengesetzt - ein schnelles Patchwork der Sinneseindrücke. Und doch scheinen die verstreuten Schnipsel alle von einem Thema zu handeln: von der Suche nach Liebe in hektischen Zeiten.

Eine Frau erscheint mit Teegedeck und Kerze und wird, wie zur Kühlung ihres Verlangens nach Intimität, mit einem Eimer Wasser übergossen. Eine andere schleppt eilig eine Leiter herein und schnuppert enthusiastisch einem imaginären Heuboden nach. Ein Mann narkotisiert sich selbst und seine Partnerin mit einem Papierrollenschlag auf den Kopf. Mag sein, dass sich nur so noch Zweisamkeit herstellen lässt. Überhaupt der Schlaf: Er ist ein wiederkehrendes Sehnsuchtsmotiv in diesem neuen Stück von Pina Bausch, das jetzt im Wuppertaler Schauspielhaus seine Uraufführung erlebte. Da wird ein "Schlafwagen" hereingerollt, eine riesige Box mit doppelstöckigem Bett, in dem sich zwei Frauen genüsslich rauchend rekeln. Da benutzt eine Tänzerin einen Kollegen als lebende Matratze, und immer wieder wälzt sich jemand zwischen Kissen unruhig hin und her.

Doch der Schlaf, das Ausruhen und Ankommen, ist eine Illusion, die sich niemals erfüllt. Zu schnelllebig scheint das Leben inzwischen, als dass Zeit bliebe für eine Rast. So stützt wild raufend ein Paar in die Szene, um sich in seiner hektischen Leidenschaft von einem Dritten fotografieren zu lassen. Eilig wird ein "Inder" auf einem "fliegenden Teppich" durch die Szenerie gezogen. Rasend schnell werden die Soli getanzt, die mehr und mehr in dem fast zweieinhalbstündigen Stück Platz greifen. Es ist, als wollten sich die Männer und Frauen in diesen armschlingenden Tänzen bergen und zugleich auch ausbrechen. Ihre Bewegungen stürzen zu Boden, raffen sich wieder auf und öffnen sich himmelwärts. Ein unbedingtes Wollen liegt darin, das das Tanzen zu einem dramatischen Hochseilakt macht, zu einem Spiel auf Leben und Tod. Dennoch, getrieben erscheinen die Akteure von einem großen inneren oder äußeren Druck.

Dabei lässt das Bühnenbild, das Pina Bausch und Peter Pabst für dieses noch titellose Stück gefunden haben, eher einen Ort der Stille und Geborgenheit assoziieren. Mächtig erhebt sich im Hintergrund eine von Moosen und Farnen bewachsene Felswand, über die leise plätschernd Wasser rinnt. An einen verschwiegenen, geschützten Ort im Wald mag man da denken, einen Treffpunkt für Zärtlichkeiten. Auch die gibt es in diesem Stück, doch dominieren diesmal die Momente einer unbedingten Leidenschaft. Nicht vom erfüllten Glück erzählt Pina Bausch in ihrem neuen Werk, sondern von einem unstillbaren Verlangen. Das treibt die Männer und Frauen durch ein stetes Auf und Ab der Gefühle und bleibt bei aller Dramatik unbeschwert leicht. Wie ausgelassene Kinder fassen sich die Akteure bei den Händen und schleudern sich kreiselnd über den Boden. Glücklich hebt man sich zu kurzen Flügen in die Luft oder übt gemeinsam in tiefen Schritten einen Gesellschaftstanz. Dicht an dicht werfen sich die Männer auf den Boden und lassen eine Frau über ihre Körper laufen. Vielfältig und erfindungsreich sind die Liebesdienste, die man einander erweisen kann. Auch das Publikum wird zu Herzensangelegenheiten befragt: ob man jemanden liebe, ob man ein Kind habe. Denn dass es in Liebesdingen nicht einfach zugeht, erfahren die und Frauen des Tanztheaters am eigenen Leib. Etwa wenn sich ein Paar durch einen höher und höher aufwachsenden Stühleturm schlängelt, stets die die Gefahr vor Augen, dass er stürzt.

In der Pause wird die Felswand zum begehbaren Hügel gekippt - wie zur höheren Aussicht und Freiheit. In einer langen Sequenz findet sich das neunzehnköpfige Ensemble zum gemeinsamen Essen am Tisch und wird doch immer wieder aufgestört. Da wird die Tafel zur Gelegenheit für einen glanzvollen Auftritt - auf der Platte kann man sich gegenseitig mit trickreichen Kunststücken verzaubern. Gemeinsam springt man vor Freude in die Luft und wirft im Überschwang Lebensmittel ins Publikum. Denn so groß die Sehnsucht nach dem Schlaf auch sein mag, die Lust am Leben in all seiner Widersprüchlichkeit ist allemal größer.

Rau sind die Musiken, von Matthias Burkert und Andreas Eisenschneider zusammengetragen, in diesem neuen Stück und erstmals von New Wave-Klängen durchsetzt. Das gibt ihm ein im Grundtenor forderndes Tempo, auch wenn nicht jede Musikwahl unmittelbar einleuchtet. Wie so oft war auch diese Arbeit zur Premiere noch nicht abgeschlossen. Noch sind Pina Bausch und ihr Ensemble unterwegs, auf der Suche nach dem Herzstück des Verlangens. Bis das gefunden ist, kann der Zuschauer gleichwohl die Kunst-Stücke einer hochkarätigen Kompanie genießen.

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