Kultur : Pinguin-Club: Nein, Mam, wir sind Musiker

Ralph Geisenhanslüke

Eine der grundlegenden Strategien der postmodernen Wirtschaft ist der offene Betrug. Längst weiß der abgebrühte Konsument, dass er nie bekommt, was man ihm verspricht. Das gilt nicht nur für Produkte des täglichen Bedarfs, sondern auch für das soziale Leben nach Sonnenuntergang. Sprich: die Gastronomie. Kein Journalist, der auf sich hält, möchte in Lokalen gesehen werden, die "Presstreff" oder "Mediencafé" heißen: Da gehen nur Praktikanten und Wannabes hin. Folglich trifft man dort alle möglichen Leute, aber selten Journalisten. Ähnlich verhält es sich mit "Szene-Tipps für Insider", die meist von Werbe-Agenturen aus alten Stadtmagazinen zusammengeschludert werden: Auf so etwas fallen Auswärtige rein.

Vielleicht ist diese Abneigung der Grund dafür, dass am Pinguin-Club an der Schöneberger Wartburgstraße seit Jahr und Tag ein Schild hängt, auf dem steht: "Treffpunkt der Künstler". In den Medien wird alles schnell mal zur "Szene" erklärt. Und die Folgen können verheerend sein: Wenn die Zeitschrift "Max" behauptet, ein Lokal habe eine hohe Frauenquote, dann ist der Laden anderntags voll mit Anzugträgern. Eine beliebte postmoderne Gegenstrategie ist die Camouflage: Man tut einfach so, als würde man besonders plump betrügen. In einem "Treffpunkt der Künstler" vermutet man hauptsächlich fusselbärtige Birkenstöckler, die sich bei einem Milchkaffee über ihren Töpferkurs an der Volkshochschule unterhalten. Wer Wert auf ein intaktes Soziotop legt, muss aber genau diesen Eindruck vermitteln.

Hätte der "Pinguin" etwa irgendwelchen "Nachtschwärmer"-Fernsehmagazinen anvertrauen sollen, welch hippe Gästeschar an seinem Tresen lungerte? Oder herausschreien, dass er vom "Time Out"-Berlin-Führer zur best local bar gekürt wurde (eine Quelle, der man immerhin etwas Glauben schenken darf)? Die Wirte waren so klug, ihre Gäste unter Artenschutz zu stellen. Mittlerweile aber ist der Club ein Bollwerk der Westberliner Geschichte und wir können es mal sagen: Es waren Leute wie Willy De Wille, die Pet Shop Boys, Green Day, John Peel, Marianne Rosenberg oder die Ärzte, um nur mal ein paar zu nennen. An dieser kurzen Auswahl fällt auf: wenig bildende Künstler, dafür umso mehr Musiker. Sie schätzten es, sich hier unerkannt zwischen Leuten von "umme Ecke" bewegen zu können. Weshalb auch kein Gästebuch existiert und keine blöden Fotos von bräsigen Star-Gästen an den Wänden hängen. In den achtziger und neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts, war der Besuch des Pinguin-Clubs für viele Musiker schlicht die logische Konsequenz eines Auftritts im Metropol oder im legendären "Loft". Und auch viele Musik-Journalisten und Radio-Leute werden sich an schöne Filmrisse erinnern. Beziehungsweise eben nicht mehr.

Und die Wirte? Chaos sagt, bevor er den Laden eröffnete, sei er zur Schule gegangen, und Gosto zog aus Kassel her. Davor verliert sich die Spur. Auf jeden Fall sorgen die beiden dafür, dass noch was aus ihnen wird. Nachdem Mark, der Dritte im Bunde, sich verabschiedete, um mit seinem Label MfS den Techno-Dancefloor aufzumischen, greift Chaos - im Nebenberuf Reiseleiter der Toten Hosen - mittlerweile mit seiner Band "Peace Brothers" nach den Sternen und Gosto managt diverse Nachwuchs-Hoffnungen. Nun feiern sie Jubiläum und müssen dafür, wegen des zu erwartenden Andrangs, ins "ColumbiaFritz" ausweichen. 5555. Tage wird der Pinguin alt. Aber stolz, sagt Chaos ist er darauf nicht. Stolz ist er aus Prinzip "auf janüscht".

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