Kultur : Pinsel, Schüssel, Kamera

Die Hannah-Höch-Preisträgerinnen Ulrike Ottinger und Laura Horelli im Neuen Berliner Kunstverein.

von
Bubblegum. Als Ulrike Ottinger noch malte: Gemälde (Ausschnitt) von 1966. Foto: Jens Ziehe
Bubblegum. Als Ulrike Ottinger noch malte: Gemälde (Ausschnitt) von 1966. Foto: Jens Ziehe

Laura Horelli holt den Stoff für ihre Kunst aus dem eigenen Leben. Sie dreht Filme über ihre Kindheit in Kenia, wohin die Familie für kurze Zeit aus Finnland übergesiedelt war, über ihre Mutter, die in den Achtzigern als Ernährungsberaterin im Kinderfernsehen auftrat, oder die Berliner Karl-Marx-Allee, in die die junge Finnin 2001 gezogen ist. Das alles ist höchst privat. Und doch wieder nicht. Horelli befragt sich nicht selbst, sie fragt den Zuschauer ihrer Foto- und Videokunst nach Identität und Persönlichkeit, nach sozialen wie politischen Umständen, die den Menschen formen.

So auch in jener Video-Arbeit, die im Neuen Berliner Kunstverein (NBK) zu sehen ist anlässlich des vom Land Berlin verliehenen Hannah-Höch-Förderpreises. „You go where you’re sent“ ist ein filmische Porträt ihrer Großmutter, einer Diplomatengattin. Horelli bietet 19 Minuten lang einen Blick in eine fremde, elitäre Welt. Die Künstlerin erzählt die Geschichte entlang von Fotos aus dem Familienalbum. Damit verhilft sie scheinbar belanglosen Aufnahmen von prachtvoll dekorierten Banketten zu neuer Bedeutung.

„Sollte man als Diplomat eine Frau haben?“, fragt die Enkelin Laura in ihrem Interview, das aus dem Off über die Bilder gelegt wird. „Ja, sollte man“, sagt die Oma. „Dann kann sie ihm helfen.“ Zum Beispiel, indem sie das Haus für Gäste herausputzt. Es wird klar: Das Foto zur Tischdekoration ist mehr als ein Schnappschuss, es symbolisiert eine Lebensaufgabe. Und es ist eine Rechtfertigung. Denn die Großmutter, geboren 1916, musste eigene Interessen hintanstellen und verteidigte sie doch so gut es in dieser Zeit und an der Seite eines Regierungsbeauftragten eben ging. Sie war Turnerin, Tänzerin und Ärztin. Aus ihrer heute 36-jährigen Enkelin wurde dafür eine bemerkenswerte Künstlerin. Die ehemalige Meisterschülerin von Thomas Bayrle an der Frankfurter Städelschule und zweimalige Teilnehmerin der Biennale di Venezia war zuletzt Stipendiatin der Villa Aurora in Los Angeles. Parallel zur Ausstellung im Neuen Berliner Kunstverein zeigt die Galerie Barbara Weiss ihr neues Werk „The Terrace“.

Mit Laura Horelli feiert der Hannah- Höch-Förderpreis seine Premiere. Die eigentliche Auszeichnung, den mit 15 000 Euro dotierten Hauptpreis für das Lebenswerk ging an Ulrike Ottinger. Bekannt wurde sie mit Filmen, die die Grenzen zwischen Kunst und Kino ausloten, mit Werken wie „Madame X – Eine absolute Herrscherin“, „Freak Orlando“ oder „Dorian Gray im Spiegel der Boulevardpresse“. Das Haus der Kulturen der Welt widmete ihr erst im Herbst eine Retrospektive, das Kino Arsenal zeigt noch bis Januar ihre Filme. Die NBK-Schau konzentriert sich auf früheste Arbeiten aus dem Paris der Sechziger. Damals hatte sich Ottinger noch der Pop-Art-Malerei verschrieben. Die junge Studentin vermischte Kaugummi mit Kaltem Krieg, Flipperautomaten und Frauenbewegung. Doch schon 1968 wechselte sie zur Kamera. Ein Triptychon aus dieser Zeit packt diesen Entschluss in Bilder: Eine Frau hält eine Schüssel, sie ist leer, auf der dritten Tafel sogar mit einem dicken roten Kreuz durchgestrichen. Offensichtlich war Ottinger damals die Malerei zur leeren Kunstform verkommen, so leer wie jene Schüssel.

Horelli und Ottinger mögen zunächst wenig gemein haben. Aber unter dem Dach des Kunstvereins und zusammen mit den Erinnerungen der finnischen Großmutter ergibt sich ein stimmiges Bild dreier selbstbewusster Frauen – ein Panorama dreier Generationen und ihrer Zeit. Anna Pataczek

Neuer Berliner Kunstverein, Chausseestraße 128/129, bis 22. 1.; Di-So 12-18 Uhr, Do 12-20 Uhr. Galerie Barbara Weiss, Kohlfurter Str. 41/43, bis 7. 1.; Di-Sa 11-18 Uhr.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben