Kultur : Pinsel und Gretel

Der Opernvisionär: Nigel Lowery erzählt im Haus der Berliner Festspiele vom Schatten junger Mädchenblüte und wilden Mutproben unter Jungs

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Von Frederik Hanssen

„Gestern im Theater gewesen. Riesenspaß gehabt.“ Solche Einträge dürften in den Tagebüchern Berliner Opernfans aus jüngerer Zeit selten zu finden sein. Große tieftraurige, tieftragische Abende, ja, daran können wir uns durchaus erinnern, aber so eine Aufführung, bei der immerzu herzhaft gelacht wurde und über die man noch am Tag drauf fünf Tagebuchseiten vollschreiben möchte, weil sie so reich war an Bildern, so bewegend in ihren Charakterzeichnungen, so sprühend vor satirischem Witz? Nigel Lowery ist dieses Erlebnis zu danken, dem verschrobenen britischen Musiktheatermacher, der keine Interviews gibt und sich auch nicht fotografieren lässt. Die Berliner Festwochen haben ihn eingeladen, und er brachte ein Pojekt mit, wie man es sich seit langem von den hiesigen Opernhäusern wünscht.

1707 schrieb Georg Friedrich Händel einen sittlich korrekten Einakter, in dem die Allegorie der Schönheit zunächst den Verlockungen des Genusses zu erliegen droht, sich aber dann doch auf die Seite der Wahrheit schlägt. Die Botschaft dieses musikalischen Besinnungsaufsatzes ist so schlicht, dass sich der irische Komponist Gerald Barry 285 Jahre später herausgefordert fühlte, die personifizierten Tugenden und Laster noch einmal aufeinander loszulassen – natürlich mit dem Ergebnis, dass sich nun beauty und pleasure ins Bett legen.

Ein barockes Bravourstück, konfrontiert am selben Abend mit seinem zeitgenössischen Kontrapunkt, beide aufgeführt durch Spezialistenensembles – die Berliner Akademie für Alte Musik einerseits, die Birmingham Contemporary Music Group unter der Leitung von Thomas Adès andererseits –, das garantiert einen hochprofessionellen, aufregenden musikalischen Rahmen. Den Rest besorgt Nigel Lowery: Als sein eigener Ausstatter schickt er die vier Protagonisten in Schuluniformen zur vokalen Händel-Schlacht. Aber nicht der Lacher wegen (die gibt’s gratis dazu) wählt er Einheitskostüme, sondern, um besser mit Details arbeiten zu können. Er hätte auch Brokatroben mit passenden Attributen wählen können. Doch er wollte Schulmädchen – von denen freilich drei männlichen Geschechts sind: Willam Pruefoy ist die bebrillte „Wahrheit“, Stephen Richardson schlurft als immermüde „Zeit“ durchs Geschehen und der furiose Andrew Watts gibt mit wildem Lidschatten und high heels den „Genuss“, der als ältere, erfahrene Freundin die blond bezopfte Klassen-Schönheit (Gilian Keith ist auch stimmlich eine) zum Leben verführt. Mit soziologischem Scharfsinn deckt Lowery gruppendynamische Prozesse auf und zeigt ganz sensibel, ganz zärtlich, wie gemein Mädchen untereinander sein können. Dabei entstehen immer neue Bilder, die ans Herz greifen, weil sie so viel Wahres über zwischenmenschliche Beziehungen erzählen und den allegorischen Figuren dabei doch ihre Aura alabasterner Künstlichkeit belassen.

Nach der Pause trägt die Schönheit dann Shorts: Bei Gerald Barry wird die education sentimentale einem blondgelockten Knaben (Christopher Lemmings) zuteil – und zwar heftig: Eine wilde Freakshow zwischen Grotesk-Comedy, Transen-Trash und „Orpheus in der Unterwelt“ entfesselt Lowery, quietschbunt und superschrill – und doch voller fein durchdachter Querverweise auf die Händel-Oper. Auch wenn in Lowerys Augen den Jungs augenscheinlich mit breiterem Pinsel zugesetzt werden muss als den Mädels, bei aller darstellerischen Drastik verliert er nicht einen Moment die Story aus dem Blick, treibt virtuos und listig sein doppeltes Spiel mit den Moral-Ebenen von einst und jetzt.

Die handwerklich extrem elaborierte Musik, die Gerald Barry dazu geschrieben hat, ist in ihrer nervtötenden, nähmaschinenhaften Minimal-Ästhetik zwar Geschmackssache, bietet den durchweg vortrefflichen Sängern aber genauso viel Gelegenheiten zum Brillieren wie die seines Kollege Händel.

Dass das Haus der Berliner Festspiele bei so einem Highlight nicht Wochen im voraus bis auf den letzten Platz ausverkauft ist (sondern halb leer), darf man wohl den Veranstaltern selber in die Schuhe schieben. Denn auch bei vielen anderen Festwochen-Abendden gähnen leere Reihen – weil die neue Leitung, sei es aus Selbstüberschätzung, sei es aus Unkenntnis des Berliner Publikumsverhaltens, voll auf den Vertrauens-Vorschuss ihrer Zielgruppe spekuliert. Die Leute aber kennen weder Gerald Barry (was keine Schande ist) noch Nigel Lowery (was sich ändern wird, wenn die Staatsoper im Januar 2003 seinen „Rinaldo“ herausbringt). Also wäre es netter gewesen, sie abzuholen. Auch wenn man meint, die Wahrheit auf seiner Seite zu haben – ein wenig Verführungsarbeit kann eben nie schaden.

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