Kultur : Pipilotti Rist: "Ich habe Angst die Leute zu nerven"

Frau Rist[Sie gelten als provokante Künstler]

Pipilotti Rist, Jahrgang 1962, ist eine der weltweit bekanntesten Video- und Performancekünstlerinnen. 1992 sorgte ihr Video "Pickelporno" für Furore, 1997 vertrat sie mit dem Gewalt-gegen-Autos-Film "Ever is over all" ihr Heimatland Schweiz auf der Biennale in Venedig. Rist gilt als "Girls Power"-Künstlerin, der es gelingt, feministische Inhalte in die Clip-Ästhetik der MTV-Generation zu verpacken. In der soeben eröffneten Schweizer Botschaft in Berlin ist jetzt ihre neueste Installation zu sehen: "Ein Blatt im Wind". Durch einen Lichtschlitz im Eingangshof der Botschaft schwebt alle 12 Minuten ein Papier in Form eines Baumblattes zu Boden. Die Blätter sind mit Kurzgedichten in einer der vier Schweizer Landessprachen bedruckt und sollen vom Wind davongetragen werden. Die Installation, die zehn Jahre in der Botschaft bleiben soll, kann vom Eingangshof aus betrachtet werden. Nach telefonischer Vereinbarung (Tel. 390 400 16) ist auch die Papiermaschine im 2. Obergeschoss zu besichtigen.

Frau Rist, Sie gelten als provokante Künstlerin, Kritiker bemängeln, dass Ihre Installationen einen offensiv-voyeuristischen Umgang mit Körperlichkeit und Sexualität verherrlichen. Wie kommt es, dass sich nun ausgerechnet die Schweizer Regierung an sie heranwagt?

Ganz einfach: Die Botschaft hat mich zu einem Wettbewerb eingeladen, für den halb öffentlichen Bereich im Eingangshof ein Kunstwerk zu entwerfen. Ehrlich gesagt hatte ich nicht gehofft, den Wettbewerb zu gewinnen. Glauben Sie mir, ich hätte niemals gedacht, dass die Botschaft sich trauen würde, meine Installation anzunehmen. Das Konzept von "Ein Blatt im Wind" behandelt schließlich auch eine bestimmte Grenzenlosigkeit: Die Blätter werden durch Wind und Schuhwerk aus dem Eingangsbereich davongetragen, die auf dem Papier niedergeschriebenen Wünsche verteilen sich langsam in der ganzen Stadt. Die Blätter sind wie eine Metapher für Demokratie, mit ihnen findet eine Botschaft Verbreitung. Und genau darin lag meine Befürchtung - dass die Botschaft das Kunstwerk ablehnt, weil es nicht räumlich begrenzt, sondern fließend ist. Auch hätte die Installation zu Polemiken Anlass bieten können: Spötter könnten sagen, das Einzige, wozu sie gut sei, ist das Produzieren von Abfall.

Noch hat sich die Berliner Stadtreinigung nicht bei Ihnen beschwert.

Nein, noch nicht. Aber es ist leicht, sich solche Gedanken herbeizuzaubern. Das ist das Gefährliche: Wann immer man Selbstzensur betreibt, kommen einem schnell solche Argumente, die gegen ein Projekt sprechen, in den Sinn. Deshalb habe ich bei "Ein Blatt im Wind" auch versucht, möglichst schnell und unverkrampft zu arbeiten. Ich hatte es mir nicht zur Aufgabe gemacht, allen zu gefallen. Mein einziger Gedanke war: Wenn ich Botschafterin wäre, würde ich die Installation dann für meinen Bau verwenden!?

Und?

Natürlich würde ich!

Was steht auf den Blättern geschrieben?

Es sind sechst "Kürzest-Gedichte". Kürzer geht es also nicht mehr. Manchmal steht nur ein einziges Wort auf dem Blatt. Frei assoziierte Sätze, Auszüge aus Tagträumen. Sie schweben. Eine Form der kinetischen Kunst. Die Maschine, die die Blätter durch den Schlitz befördert, steht im Bereich der Caféteria. Die Angestellten sollen ihre Tabletts, ihr Essen und ihre Getränke ruhig auf der Glasoberfläche des Gerätes abstellen. So integriert es sich im Raum.

Berühmt wurden Sie durch ihre Video-Installationen, die eigensinnige Formen der Heiterkeit und Spiellust zelebrierten. Bei "Ever is over all" sah man eine lachende Frau, die mit einem Blumenstengel Autofenster einschlug. "Pickelporno" war eine Kamerareise durch Intimlandschaften. Jetzt arbeiten Sie mit dem Medium Papier. Ist "Ein Blatt im Wind" ein Abschied von der Technik?

Die Arbeitsbedingungen differieren natürlich. Nicht nur, dass die Installation in einem Raum stattfindet, der nur halböffentlich ist. Sie soll auch zehn Jahre lang halten. Außerdem hatten die Video-Clips stets Traumlandschaften beschrieben. Sie waren nur für kurze Zeit zu sehen und befanden sich in den meisten Fällen innerhalb eines geschützten Museums. Der wichtigste Unterschied ist: Die Beschäftigten der Schweizer Botschaft müssen mit meiner neuen Arbeit leben, genau wie die Spaziergänger im Tiergarten. Das stellt Bedingungen an mich. Und da die Botschaft die Vertretung eines Landes ist, gehe ich auch auf diese Bedingungen ein, ich verzichte auf die Arbeit mit Ton und bewegtem Bild. Der Einsatz von Video wäre hier nicht nur aufdringlich, es hätte einen autoritären Charakter. Ein Bild würde den Betrachter zwingen, sich ihm für einen längeren Zeitraum zu widmen. Viele Personen gehen aber nur aus dienstlichen Gründen zur Botschaft oder laufen zufällig daran vorbei. Denen möchte ich kein Werk zumuten, auf das sie sich minutenlang zu konzentrieren hätten. Ob politisch betrachtet, poetisch oder rein intuitiv: Besonders interessiert hat mich der Aspekt, wie sich die Schweizer Blätter mit anderen Blättern vermischen, klar.

Sie reagierten früher verärgert, wenn man Ihnen eine unpolitische Haltung attestierte. Ist es eine Genugtuung für Sie, nun gewissermaßen zur offiziellen Botschafterin Schweizer Kunst aufzusteigen?

Ich habe an einem Wettbewerb teilgenommen und übernehme dadurch natürlich eine staatliche Funktion. Eines der Statements auf den Blättern lautet: "Der Geburtsort ist Zufall". Meine Position zur Migrationsfrage ist ganz eindeutig: Jeder sollte meiner Ansicht nach das Recht haben, in dem Land zu leben, in dem er leben möchte. Staaten als Gebilde akzeptiere ich nur in dem Sinne, dass sie uns helfen, das Miteinander demokratisch zu organisieren. Dass wir überleben können und es schaffen, unsere animalischen Instinkte im Griff zu behalten. Sonst würden wir uns noch die Köpfe einschlagen. Der Staat soll ein bestimmtes Maß an Solidarität sicherstellen - und nicht Grenzen verschließen.

Es muss ungewohnt sein für Sie, dass bei diesem Projekt nicht die schillernde Medienfigur Pipilotti Rist im Vordergrund steht. "Ein Blatt im Wind" wird man kaum mit Ihnen assoziieren - schon deshalb, weil es keine Videoinstallation ist und Sie nicht zu sehen sind.

Ganz so einfach ist es nicht! Das Medium, das über mich berichtet, entscheidet doch auch über das Motiv, das im Zusammenhang mit meinem jeweiligen Projekt abgedruckt wird. Die Medien entscheiden, ob ich fotografiert werde oder die Installation. In den meisten Fällen landet leider mein Gesicht in den Zeitungen, nicht ein Foto des Objekts.

Mit Ihren frechen, gewagten Outfits lenken Sie oft vom Kunstwerk ab.

Hätte ich die Wahl und dürfte als Künstlerin nochmal neu beginnen - ich könnte mir durchaus vorstellen, keine Interviews mehr zu geben. Es gab eine Zeit, vielleicht vor zehn Jahren, da habe ich gedacht: Bei einem Interview einfach nur so dazusitzen ist zuwenig für die Leute. Ich wollte, dass die Leute auch etwas zu lesen hatten. Also machte ich es mir zur Arbeit, mir eine gute Geschichte für sie zu entwickeln. So etwas tue ich heute nicht mehr, weil Journalisten es mir hinterher übelnehmen. Hinterher bleibt alles an mir hängen. Ich bin nicht aufmerksamkeitsgeil. Ich mache nicht explizit Performances, bei denen ich auf die Bühne treten muss. Am liebsten ist es mir, wenn meine Installationen ohne mich funktionieren. Dass ich einen einzigen Knopfdruck ausführe, und das Ding läuft.

Wie leben Sie heute mit den Etiketten, die Ihnen immer wieder aufgeklebt werden: jung, weiblich, Vorreiterin einer offensiven "Girl-Power"?

Glauben Sie mir: Ich schäme mich jedesmal, wenn meine Person mit Superlativen in Verbindung gebracht wird. Ich will nicht aufdringlich sein. Es gibt nichts, wovor ich mehr Angst haben, als dass ich jemandem auf die Nerven gehen könnte.

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