Piraten : Hey, ho!

Im Sprachgebrauch lebt der Pirat als Vorkämpfer einer irgendwie legitimen Gesetzlosigkeit weiter. Mit der Wirklichkeit hatte das nie etwas zu tun. Kai Müller über Piraten und ihre Jäger.

In Piratenfilmen kommen die Halunken immer besser weg als die Guten. Denn die Piratenjäger alter Couleur waren skrupellos und dumm, was sie in Leinwandepen wie „Der rote Korsar“, „Der Herr der sieben Meere“ und „Fluch der Karibik“ zu unsympathischen Vollstreckern eines Rechts machte, das auch nicht besser war als das der Banditen. Letztere nahmen sich einfach, was sie kriegen konnten. Skrupellos, aber eben nicht dumm, sahen die Rebellen wider die verlogene Ordnung zudem noch teuflisch elegant aus. Eroll Flynn mit aufgeknöpftem Pluderhemd, Burt Lancaster ganz ohne Hemd und in Ballettschühchen und zuletzt Johnny Depp in seinem neo-barocken Rock’n’Roll-Fummel adelten die Gemeinheiten und die Habgier des Freibeuters mit der seltenen Kombination von Romantik und Tatkraft.

Mit der Wirklichkeit hatte dieses Bild nie etwas zu tun. Trotzdem lebt der Pirat im allgemeinen Sprachgebrauch vor allem als Vorkämpfer einer irgendwie legitimen Gesetzlosigkeit weiter. Ob Internet-Piraterie oder Piratenradio, bei deren Nutzung rechtsfreier Räume schwingt die Sehnsucht mit, im Schattenreich des Unerlaubten das Naheliegende tun zu dürfen, den kleinen Vorteil zu suchen. Es ist ja so einfach, sich Musik kostenlos aus dem Netz herunterzuladen – warum es also unterlassen? Wie verworren die Lage ist, zeigt jetzt der Kommentar eines Musikmanagers. Während vor einem schwedischen Gericht über Schuld und Unschuld der Musiktauschbörsianer „The Pirate Bay“ gestritten wird, konstatiert er trocken, dass die Musikindustrie diesen Prozess vielleicht gewinnen werde, aber den Krieg um die öffentliche Meinung verloren habe.

Ähnlich könnte es auch der deutschen Marine vor Somalia ergehen. Von ihr stammt der jüngste Piratenfilm, gedreht, als die Fregatte „Rheinland-Pfalz“ einem von neun bewaffneten Männern in offenem Holzboot bedrängten Frachter zu Hilfe kommt und die Angreifer entgegen früheren Gepflogenheiten nicht wieder laufen lässt. Ein Triumph? Weit gefehlt: Die Festgenommenen haben nicht das Geringste mit den verwegenen Abenteurern unserer Fantasie gemein, sie sehen wie Bootsflüchtlinge aus. Kraftlos heben sie die Arme, als die Militärpatrouille naht, und haben nicht mal Fischernetze dabei, um ihren Ausflug zu tarnen.

Da sich hiesige Gerichte nicht zuständig fühlen und eine Überführung nach Deutschland wohl auch wie ein Aufruf an migrationswillige somalische Fischer erscheinen dürfte, sich mit Augenklappe, Holzbein und Raketenwerfer zu kostümieren, werden die Banditen nun in Kenia vor Gericht gestellt. Das ist weder skrupellos noch dumm. Auch der gute alte Piratenjäger ist ein Auslaufmodell.

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