Kultur : Pirouetten um die Betten

Ulrich Deuter

Durch dichten Nebel schimmert der Neonschriftzug MOTEL: eine armselig grelle Metapher für das Leben in Flüchtigkeit. Helene und Fabian haben eine Affäre. Helene und Daniel sind ein Ehepaar. Daniel verbindet mit Fabian Freundschaft, Fabian mit Juliane eine Ex-Liaison. Juliane bewirbt sich beruflich bei Helene, zwischen Juliane und Daniel bahnt sich etwas an - vier Personen, sechs logisch mögliche Kombinationen.

"Selbstportraits. 48 Details" nennt Thomas Oberender seine fünfundzwanzig Szenen, deren Uraufführung jetzt in Bochum herauskam, wo der junge Berliner Dramatiker Dramaturg ist. Auf der Bühne der Kammerspiele junge Menschen vom siegreichen Typus des Urban Professionals im Vor und Zurück um einen langen Tisch mit anderthalb Dutzend Schallplattenspielern: ihr Leben scratchend, ihre Beziehungen samplend, gut organisiert und immer ohne Zeit, eloquent aneinander vorbei redend, elegant einander liebend am ausgestreckten Arm. Die Mondfinsternis haben sie verpasst, die nächste ist in achtundzwanzig Jahren.

Wieder einmal also: Paare, Passanten. Doch noch weiter abgekühlt, ganz ohne das Staunen Botho Straußscher Figuren und ohne Hoffnung auf den "impact", den Einbruch eines irgendwie Anderen. Ein "Reigen" auch: Beziehungen als Koppelung von Modulen, doch nicht fiebrig wie bei Schnitzler, sondern als zeichenhafter Contretanz auf dem Eis vollendeter Aufklärung. In keiner Hinsicht mehr tut man sich irgend etwas an. Nicht das Verlassenwerden, nicht der sexuelle Betrug, auch nicht dessen Offenbarung erhöhen die Temperatur auch nur um ein Grad. Jeder berührt jeden, niemand hält irgendwen fest. "Waren wir verabredet?" - "Gestern." - "Ach gestern. Gestern war ich doch gar nicht da."

Die seelischen Innenräume sind hell erleuchtet, die emotionalen Außenbeziehungen ergebnisorientiert. Es gibt keine Entwicklung - "Szenenfolge variabel", schlägt der Autor vor, - und keine Schmerzen, weil alle Inhalte überwunden sind. Eine sichere, leere Welt.

So viel. So wenig. Selbstporträt? Ein leeres Gesicht. So fern die Figuren einander sind, so fern ist ihnen ihr Autor. Was bleibt vom Dramatischen, wenn niemand ein Problem mehr hat? Es gibt eine wunderkomische Bewerbungsszene, in der die Textbausteine der Selbstanpreisungsstrategien im Mund durcheinander geraten: "Durch Auslandsaufenthalte und zahlreiche Nebenaufenthalte hinausgehende konnte ich mir reine Fachwissen über das erwerben, Kenntnisse und Fähigkeiten hinaus ..."

"Es fallen bitterwahre Sätze übers Älterwerden: "Früher haben mich Ideen begeistert, heute Anschaffungen." Und immer wieder glitzert schneeweiß ein Aperçu, schimmert eine gelungene Stimmung kühler Verlorenheit. Alles in allem aber gleitet Oberenders Szenencollage so unberührt dahin über das Eis der Verhältnisse, dass keine Spuren darin zurück bleiben, denen nachzufahren man Veranlassung hätte, von Rissen zu schweigen, durch die irgend ein Grundwasser hervor bräche. Und die Regie? Sie steuert nicht gegen, was sie hätte tun müssen, sie folgt auf das Eis, das der Autor ausgebreitet hat, sie zieht sich die hurtigsten Schlittschuhe an und lässt den Text gar zurück, um auf seiner Schale Pirouetten zu drehen: Mineralwasser aus Weißblechdosen spritzen, Schnulzenplattentitel vorlesen und verhunzen, Schallplattenhüllen umherschmeißen, Saxophon spielen, den Feuerwehrmann herum kommandieren. Das heißt: Regisseurin Isabel Osthues führt Pausenaufsicht. Fleißig ist sie auf der Suche nach so genannten Situationen, um ihre Spieler zu beschäftigen, und wird unablässig fündig beim Nächstliegenden. So weckt die Inszenierung ein reges Desinteresse an den Figuren, von denen allein Bianca Nele Rosetz die Ihre, Helene, zu einer solchen macht, einer nölenden, patzig-putzigen Görenfrau. Julie Bräuning geht einsam süß herum als Juliane, über die Männer (gespielt von Martin Horn und Patrick Heyn) ist nichts weiter zu sagen. Der Autor spannt gekonnt eine Oberfläche aus, die Regisseurin poliert sie. Wird Leere beschreibbar durch Leerlauf?

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben