Kultur : Pixel, die die Welt verändern

Wer sich digitaler Kunst widmet, lernt niemals aus. Wolf Liesers DAM Galerie zeigt ihre ganze Vielfalt.

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Schöner als die Natur erlaubt. Momentaufnahme aus Eelco Brands „I.movie (2012)“ 3-D-Animation. Foto: Eelco Brand courtesy of DAM Berlin
Schöner als die Natur erlaubt. Momentaufnahme aus Eelco Brands „I.movie (2012)“ 3-D-Animation. Foto: Eelco Brand courtesy of DAM...

An den Zweigen wachsen kleine Büschel, Wattebäusche oder Pusteblumen, genauer lässt sich das nicht sagen. Sie blühen im Zeitraffer, vergehen, kommen wieder. Ein bewegtes Bild, schöner als jede Natur. Mit seinen am Computer generierten Ansichten zaubert Eelco Brand perfektere Landschaften, als man sie draußen je finden wird.

Drinnen, das ist der große, leicht abgedunkelte Raum der Galerie. Ein Ort für digitale Kunst, wie es ihn in Berlin und weit darüber hinaus kein zweites Mal gibt. Brands suggestives „I.movie“ von 2012 läuft hier auf einem großen Flachbildschirm als Endlosschleife, und wer eine Weile zuschaut, der fällt bald in einen Zustand meditativer Abwesenheit. Eine artifizielle Welt, für die der Künstler alle Möglichkeiten seiner Software ausreizt. Und ein Kontrast zu Vuk Cosics Video „Singing in the Rain“ (1999), in dem sich die Figur eines Mannes mit Regenschirm mühevoll aus der grün-schwarzen Oberfläche schält.

Beide Arbeiten sind Teil der Ausstellung „Summer Splash“. Fünf Künstler aus dem Programm der Galerie zeigen das Spektrum eines Mediums auf, das sich unterschiedlichster Materialien und technischer Formate bedient – vom 3D-Print bis zu ASCII-Art. Man muss das nicht alles verstehen, um die Filme, Laserzeichnungen oder Tintendrucke zu begreifen. Dem Betrachter genügt, was auf den Oberflächen geschieht: wie sich die von Brand animierten Kunstlandschaften verändern, wie Evan Roth die typischen Fingerwischbewegungen auf dem Touchscreen in abstrakte Zeichnungen verwandelt oder im Video „Propulsion Paintings“ Fähnchen in Farbe tränkt, die aus silbernen Spraydosen hervorschießt.

Der amerikanische Künstler, Jahrgang 1978, gehört zu einer jungen Generation, die Street Art und Graffiti mit digitalen Mitteln kreuzen. Anders als Gerhard Mantz, dessen Werk sich komplett aus dem Computer speist. In der Ausstellung ist der Berliner Künstler mit zwei abstrakten Kompositionen auf Leinwänden vertreten. Allerdings hat er schon in den frühen neunziger Jahren Skulpturen aus Sperrholz geschnitten, deren kristalline Formen ohne Vorbild in der Realität sind. Dafür wirken sie wie Vorgänger jener Mikroskulpturen, die nun der norwegische Künstler Marius Watz in der Galerie auf einem Sockel arrangiert: Seine Serie „Probability Lattice“ ist eine digitale Kreation und wurde von einem 3D-Drucker direkt in ABS Kunststoff umgesetzt.

Dank Künstlern wie Mantz ist Galerist Wolf Lieser über die Zeit zum Experten geworden. Dabei wollte er vor knapp 25 Jahren erst einmal nur wissen, womit er sich von den Kollegen absetzen kann. „Gleichzeitig habe ich mich allerdings gefragt, welches Medium innovativ ist und in Zukunft wichtige Impulse geben wird.“ Der Galerist entschied sich für die digitalen Künste. Seitdem arbeitet er für eine Disziplin, der sich durch technologische Sprünge beinahe täglich neue Möglichkeiten erschließen.

Schon ohne diese Innovationen hat Lieser genug zu tun, denn auch die junge Geschichte der Computerkunst will vermittelt werden.1994 eröffnete er seinen ersten Ausstellungsraum in Wiesbaden und bald noch eine Galerie in London – damals die weltweit erste Adresse für digitale Werke. 2003 zog Lieser nach Berlin in die Tucholskystraße, spezialisierte sich und arbeitete hart für sein Expertentum. Inzwischen kennt er den Markt, die internationale Künstlerszene und jene noch immer raren Interessenten, die am Computer entstandene Arbeiten sammeln.

Umso mehr erstaunte Liesers Entscheidung, den angestammten Platz in Mitte aufzugeben und im September vergangenen Jahres in die Neue Jakobstraße umzuziehen. An einen Ort, der einen erst einmal verschluckt. Die Galerie hat jetzt das Märkische Museum zum Nachbarn, aber keine Galerie mehr in der Nähe und auch kein Schaufenster zur Straße. Dafür, sagt Lieser, hat er nun doppelt so viel Platz, schönere Räume und die Gewissheit, dass wirklich an den Arbeiten interessiert ist, wer ihn im zweiten Hinterhof besucht.

Digitale Kunst kann ein Segen sein. Weil man sich mit einem Medium beschäftigt, das relativ jung und in Bewegung ist wie kaum ein anderes. Weil die Arbeiten noch erschwinglich sind und selbst frühe Blätter von etablierten Künstlern wie der 1924 geborenen Vera Molnar erstaunlich wenig kosten. Im Büro der Galerie hängen Beispiele. Sie wirken wie zarte Zeichnungen von geometrischen Strukturen. In Wirklichkeit hat Molnar für ihre virtuellen Motive 1969 einen Computer mit Lochkarten gespeist.

Digitale Kunst kann auch ein Fluch sein. Weil sie erklärungsbedürftig ist und sich ein geplottetes Bild nicht ohne weiteres einordnen lässt. Und weil Lieser noch immer und immer wieder mit dem Vorurteil aufräumen muss, diese Kunst sei von Maschinen gemacht.

Der Galerist hat seine eigene Strategie: Es gibt viel zu tun, er packt es an. 2010 erschien sein schweres, großformatiges Buch „Digital Art“ mit zahllosen Bildbeispielen, Texten von anderen Experten wie Wulf Herzogenrath oder Tilman Baumgärtel und Lebensläufen der wichtigsten Künstler. Man entdeckt zum Beispiel den Mathematiker Frieder Nake und dessen Plotterzeichnungen aus den sechziger Jahren – sie waren damals schon in einer Stuttgarter Galerie zu sehen.

Alternativ gibt es die Informationen auch online, denn noch vor Eröffnung der Galerie hat Lieser mit dem Aufbau des virtuellen Digital Art Museum unter www.dam.org begonnen. Und seit 2005 vergibt das Museum mithilfe eines Sponsors alle zwei Jahre den Dam Digital Art Award für ein herausragendes Lebenswerk im Bereich der Medienkunst. Gerade hat ihn Lynn Hershman Leeson erhalten, die mit dem Preis verbundene Ausstellung wurde am gestrigen Samstag in der Bremer Kunsthalle eröffnet.

Digitale Kunst etabliert sich – langsam, aber stetig. „Sie entspricht unserer Zeit“, schreibt Lieser in seinem Buch, und vielleicht ist das ein Schlüsselsatz, der bloß noch in die analogen Köpfe gelangen muss. Wenn allerdings ein Sammler wie Asim Kocabiyik, der zu den prominentesten Berlin-Besuchern des Gallery Weekends im April gehörte, den Weg in die Galerie findet und sich dort jede Arbeit zeigen lässt, weiß Lieser, dass er längst auf dem richtigen Weg ist.

DAM, Neue-Jakob-Str. 6/7, 10179 Berlin, Di-Fr 12-18 Uhr, Sa 12-16 Uhr. Ausstellung „Summer Splash“ bis 14.7.

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