• Plädiert der Philosoph für die Züchtung von Übermenschen? Der Philosoph antwortet seinen Kritikern

Kultur : Plädiert der Philosoph für die Züchtung von Übermenschen? Der Philosoph antwortet seinen Kritikern

Gregor Dotzauer

Es gibt Leute, die den Philosophen Peter Sloterdijk nicht verstehen, und ihre Zahl hat spätestens seit der Veröffentlichung des ersten Bandes seiner "Sphären" zugenommen. Es gibt aber auch welche, die ihn nicht verstehen wollen. Weil ihnen das dichtende Denken dieses Mannes grundsätzlich zuwider ist. Weil er einen nietzscheanischen Gestus pflegt, der in Verbindung mit seiner Leidenschaft für Martin Heidegger bei manchen reflexartig die politischen Alarmsirenen auslöst. Oder weil sie auf jemanden neidisch sind, den vielleicht doch mehr Menschen verstehen als die in logisch-mathematischen Feindifferenzierungen schwelgenden Analytiker von der wissenschaftstheoretischen Front. Das Unverständlichste an Sloterdijk ist jedoch, dass er zu den Vorwürfen, sein Denken trage faschistoide Züge, so lange geschwiegen hat. Immerhin hat er Mitte Juli im oberbayerischen Schloss Elmau während einer Tagung zum Thema "Jenseits des Seins - Exodus from Being, Philosophie nach Heidegger" einmal seine "Regeln für den Menschenpark", eine Antwort auf Heideggers "Brief über den Humanismus", öffentlich und mit anschwellendem Echo vorgetragen. Seit einer kurzen Wortmeldung in der "Frankfurter Rundschau" vom 31. Juli, mit der er die "schauerromantischen Entstellungen" des Beobachters Martin Meggle zurechtrückte, hat er sich erst wieder in der heutigen Ausgabe der "Zeit" in einem zweiteiligen Offenen Brief an Feuilleton-Redakteur Thomas Assheuer, einen der Ankläger, und an Jürgen Habermas, dessen angeblichen Hintermann, geäußert.

Vielleicht wäre das der Medienaufregung sogar angemessen gewesen, wenn er nicht gleichzeitig die Veröffentlichung des inkriminierten Manuskripts untersagt hätte. Es wurde also wochenlang über einen Vortrag gestritten, den bisher nur die Wenigsten lesen konnten. Auch der Text, den Sloterdijk jetzt endlich zur Verfügung gestellt hat, ist keineswegs über die Pressestelle von Suhrkamp frei verfügbar. Im Moment erhalten ihn auf Anfrage zwar Journalisten, er darf aber weder gedruckt noch im Internet dokumentiert werden - eine dem öffentlichen Wohlwollen nicht gerade förderliche Haltung, die einen unberechtigten Argwohn schürt. Denn Sloterdijks hochkomplexe Rede liest sich ganz und gar nicht so skandalös, wie es seine Gegner darstellen - auch wenn die zentrale Begriffspaarung von Lektion und Selektion missverständlich ist. Gerade die umstrittenen Passagen zum "Codex der Anthropotechniken", Sloterdijks Aufforderung, sich den Möglichkeiten der Gentechnik zu stellen, weil es "bald eine Option für Unschuld sein (wird), wenn Menschen sich explizit weigern, die Selektionsmacht auszuüben, die sie praktisch errungen haben", sind in einem Maß bedenkenswert, das nur Angehörige eines politischen juste milieu von vornherein leugnen können.

Das Unbehagen, das dieser Text auslöst, besteht darin, dass Sloterdijk zwar für die Gattung Mensch - ausgesprochen skeptisch - Science-Fiction schreibt, ansonsten aber etwas ins Auge fasst, was längst tausendfach, ohne dass jemand darüber spricht, individuell praktiziert wird: "die Umstellung vom Geburtenfatalismus zur optionalen Geburt und zur pränatalen Selektion". In der vorgeburtlichen Diagnostik wird heute mit einer Sicherheit über mögliche Behinderungen von Kindern befunden, die Eltern eine Entscheidungsfreiheit lässt, die frühere Generationen nicht hatten. Davon, dass Sloterdijk eine gentechnische Revision der Menschheit "gefordert" habe, wie Thomas Assheuer in der Unterzeile seiner Anklageschrift "Das Zarathustra-Prinzip" schrieb, kann jedenfalls keine Rede sein. Sloterdijk denkt - nur ohne die moralische Diplomatie, die ihm, dem Propagandisten eines "gefährlichen" Denkens, manchmal gut tun würde. Eine andere Frage ist, wie weit der Wortlaut des jetzt vorliegenden Manuskripts dem der ursprünglichen Rede entspricht. Doch fast alle bekannten Zitate scheinen stehen geblieben zu sein. Lediglich die unglückliche Formulierung von den für Heidegger "beispiellos düsteren Jahren nach 1945" ist offenbar durch die Formulierung "im elendesten Tal der deutschen Nachkriegskrise" ersetzt worden.

Die Debatte zerfällt nun in vier Teile. Erstens in den Eklat, den es - der "Frankfurter Rundschau" zufolge - nach der Rede mit Saul Friedländer gegeben haben soll und der so, wenn man den nachgetragenen Berichten glaubt, nicht stattgefunden hat, aber Sloterdijk weiterhin anhängt. Zweitens in den Streit um den Gehalt der Rede selbst, die man, sobald sie jeder lesen kann, nochmals in ihrer gesamten Argumentation prüfen muss. Drittens in eine bittere Abrechnung mit der philosophischen Tradition, als deren letzter Vertreter Jürgen Habermas gilt: mit der Kritischen Theorie. Und viertens in eine Polemik, die weniger in der Sache antwortet, als den Vorgang selbst reflektiert, "an dem sich etwas lernen lässt über die deutsche Entrüstungsindustrie, die Dekadenz der Kritik und die eingeschliffenen Allianzen zwischen Liberal-Jakobinismus und Showsystem".

Es ist schon fast peinlich, Sloterdijk auch in diesem Punkt verteidigen zu müssen - auf die Gefahr hin, sich das Terrain mit rechtskonservativen Denkern zu teilen, die Sloterdijk womöglich applaudieren. Schon die Sloterdijksche Spitze, dass es sich bei der Frankfurter Schule um eine Art "gnostischer George-Kreis von links" gehandelt habe, sollte sie auf Distanz halten. Sloterdijks etwas banale, aber deswegen nicht falsche Pointe ist, dass Habermas und seine Anhänger auch keine besseren Menschen als andere Philosophen seien, auch wenn sie mit der Diskursethik besondere Menschenfreundlichkeit für sich in Anspruch nehmen. Nichts anderes meint seine Formulierung von der "sozialliberalen Version der Tugenddiktatur". Im übrigen geht es nicht darum, den Leistungen der Kritischen Theorie den Respekt zu versagen. Auch Sloterdijk verdankt, wie er in seiner Polemik selbst gesteht, dem Denken von Horkheimer und Adorno vieles. Wie hilflos die Reste der Kritischen Theorie jedoch mit der Gentechnik umspringt, hat sich zuletzt in den Auseinandersetzungen um das Klonen gezeigt, in denen Habermas einen nachmetaphysischen Fundamentalismus vertritt, der sich allein diskursethisch nicht begründen lässt. Vielleicht träumt Habermas ja heute viel mehr von einer philosophischen Königsdisziplin als Sloterdijk, dem man jetzt ein Plädoyer für die Züchtung des Übermenschen vorwirft.

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