Kultur : Plädoyer für ein Spitzenorchester

DANIEL BARENBOIM

Streit um die Klangkörper der Hauptstadt: eine Antwort aus der Staatsoper Unter den LindenVON DANIEL BARENBOIMIn den vergangenen Tagen sind Äußerungen, die ich am Rande des Gastspiels der Staatskapelle Berlin in London gemacht habe, auszugsweise zitiert, redigiert, interpretiert und kommentiert worden und haben in Berlin zu teilweise heftigen Reaktionen geführt.Ich bedauere, daß hierbei auch Persönlichkeiten in verantwortlichen Positionen meine Äußerungen kommentiert haben, ohne sie vorher auf ihren Wahrheitsgehalt oder darauf, was von mir wirklich gemeint ist, überprüft zu haben.Dabei wurden mir auch Gedanken zugesprochen, die ich zu keinem Zeitpunkt hatte und zum Ausdruck gebracht habe.So ist in einigen Tageszeitungen gar von meiner angeblichen Forderung zu lesen gewesen, der Bestand der Berliner Orchester solle auf zwei reduziert werden.Dergleichen habe ich weder gesagt noch gemeint.Mir liegt daher an einer zusammenhängenden Darstellung der wesentlichen von mir vertretenen Positionen und deren Beweg- und Hintergründe.Ein französischer Journalist meinte kürzlich, ich spräche wie ein Mitglied des Orchestervorstands.Diese Einschätzung berührt den Kern dessen, worum es mir geht und gehen muß: Um den - gegebenenfalls auch streitbaren - Einsatz für die Belange der Staatskapelle Berlin, mit der ich seit sechs Jahren glücklich und fruchtbar zusammenarbeite, und die mir und dem wiedervereinten Berlin viel gegeben hat.Diese Anwaltschaft werde ich weiterhin übernehmen, gleichgültig ob ich Verantwortung und Fürsorgepflicht für dieses großartige Orchester habe oder nicht.Die Staatskapelle Berlin ist ein international renommierter Klangkörper, der zu allererst in Berlin mit einem umfangreichen Programm in jeder Saison auf sich aufmerksam gemacht hat.Erst hieraus erwachsen ja die Einladungen zu Gastspielen im In- und Ausland, diese beruhen nicht auf Zufall.Das Orchester bestreitet nicht nur sämtliche Opern- und Ballettaufführungen der Staatsoper Unter den Linden, sondern darüber hinaus allein 16 Abonnement-Sinfoniekonzerte pro Saison, nicht zu reden von Sonderkonzerten.Abbado, Boulez, Eschenbach, Gielen, Giulini, Mehta und Solti sind nur einige Namen von Künstlerpersönlichkeiten, die in den letzten Jahren in Berlin mit der Staatskapelle musiziert haben.Wenn dieses Orchester auch sieben Jahre nach Überwindung der deutschen Teilung in seiner Gehaltsstruktur auf Platz 22 in Deutschland rangiert, so liegt hier ein krasses Mißverhältnis vor, dessen Auflösung nicht mehr mit nicht enden wollenden Absichtserklärungen oder Bemühenszusagen beantwortet werden sollte.Es dürfte unbestreitbar sein, daß ein Zusammenhang zwischen der Erhaltung künstlerischer Qualität und der Gehalts- bzw.Tarifstruktur eines Orchesters besteht.Die Staatskapelle hat ihre Vorleistungen erbracht, hat ihre Qualifikation unter Beweis gestellt, in Berlin und als Kulturbotschafter in der Welt.Es ist an der Zeit, ihr das finanzielle Äquivalent zu geben, das doch auch sonst in der demokratischen, freiheitlichen Gesellschaft unter Anwendung des Leistungsprinzips eingesetzt wird.Ein exzellenter Klangkörper, wie beispielsweise das Berliner Philharmonische Orchester, gewinnt seine Attraktivität für die besten Musiker der Welt eben auch nicht allein und dauerhaft aus dem Renommee, der Tradition und den dort tätigen Dirigenten und Solisten, sondern auch daraus, daß all dieses in der finanziellen Honorierung seine Entsprechung findet.Ist es illegitim, darauf hinzuweisen?Die Politik kann und muß hier ein Zeichen der Anerkennung setzen.Es ist ihre Aufgabe, struktuell zu denken und zu planen, Prioritäten zu setzen, Visionen zu entwickeln, Ziele zu formulieren und auf diese hinzuführen.Das kann unter Umständen auch schmerzliche oder unpopuläre Entscheidungen beinhalten.Letzten Endes muß ein Politiker sowohl Kompromißbereitschaft zeigen können wie andererseits aber auch Mut.Wenn die Mittel für eine adäquate Finanzausstattung von neun Orchestern entsprechend ihrem künstlerischen Rang nicht bereitgestellt werden können, wenn nicht zudem alle diese Orchester bei ihren Konzerten, Opern- und Ballettaufführungen und natürlich wirtschaftlich vertretbaren Eintrittspreisen eine hohe Platzausnutzung erreichen, muß gefragt werden, wie darauf zu reagieren ist.Das Thema ist nicht neu, ich habe es schon 1989/90 politisch Verantwortlichen vorgetragen.Wenn ein bestimmter Finanzrahmen, den die Politik für gegeben und unabänderlich erachtet, nicht genügt, um Qualitätsverlust zu vermeiden, scheint mir unabweisbar, daß in diesem Fall Konsequenzen zu ziehen sind.Eine ganz andere Frage ist, welche dies dann sein sollten oder müssen.Beispielsweise kommt meines Erachtens dem Aspekt der Verantwortungsteilung zwischen Bund und Land eine hohe Bedeutung zu.Es hat in Berlin in früherer Zeit dergleichen schon gegeben.Eine unterschiedliche Zuordnung von bestimmten Kultureinrichtungen unter verschiedene Rechtsträger ist hier nicht unbekannt.Warum sollten nicht Bund und Land in organisatorischen, finanziellen und künstlerischen Wettbewerb miteinander treten? Nach meinem Eindruck gibt es unter dem Aspekt der Hauptstadtfunktion Berlins keine unüberwindlichen verfassungsrechtlichen Schranken, die im Grundsatz eine solche Aufgabenverteilung ausschlössen.Zumindest ist von einigen Juristen, unter anderem in dieser Zeitung, entsprechend argumentiert worden.Wie immer das Modell sei, mit dem jedenfalls ein stärkeres Engagement des Bundes für die Berliner Kultur ermöglicht wird, es kommt wohl vor allem auf das einvernehmliche, unbedingte politische Wollen an.Die zurückliegenden Verhandlungen zwischen Bonn und Berlin über die Höhe der Bundesmittel für Kultur der Hauptstadt und deren gezielten Einsatz haben dies leider nicht dokumentiert.Allerdings könnten auch andere Überlegungen angestellt werden: Etwa diejenige, daß ein Anteil am Haushalt des Landes Berlin von etwa 1,8 % für die Kultur (nicht allein die Musik) - mit anderen Worten 1,8 Pfennige von 1 DM, die das Land ausgibt - die Relationen verdeutlicht, um die es geht, und den Konsolidierungsbeitrag, der aus diesem Finanzreservoir zugunsten des Landeshaushalts geschöpft werden kann.Es dürfte wohl nicht ernstlich bezweifelt werden, daß ich, wenn bei all dem umgedacht und dadurch die Finanzlage für die Kultur verbessert würde, am glücklichsten wäre.Aber die Lage ist nicht so. Der Autor ist Pianist, Dirigent, Generalmusikdirektor und Künstlerischer Leiter der Deutschen Staatsoper in Berlin

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