Kultur : Planet Marthaler: "Die einsamen Menschen sind die besonderen Menschen"

R. S.

Ohne Christoph Marthaler wäre das Theater der letzten zehn Jahre ein anderes gewesen. An der Berliner Volksbühne - und am Deutschen Schauspielhaus Hamburg - kreierte der Schweizer, Musiker von Hause aus, seinen Stil, der die Langeweile des Betriebs mit aufreizender Langsamkeit unterminiert und den Somnabulismus seiner Helden zur stillen Sensation werden ließ. Erinnert sei nur an "Murx den Europäer", den "Wurzel-Faust" und "Kasimir und Karoline". Ohne Anna Viebrock wiederum, hier mit Marthaler im Hotel Waldhaus im Engadin, wäre das panoptisch-klaustrophobisch-befreiende Marthaler-Theater auch nicht denkbar: Ihre Bühnenbilder schließen die Phantasien des inszenierenden Instrumentalisten ein wie die Schale die Auster. Zwei neue Bild-Bände widmen sich den beiden Künstlern von Raum und Zeit, die seit dieser Spielzeit das Zürcher Schauspielhaus in aller Seelenruhe aufmischen; kommenden Samstag hat dort Shakespeares "Was ihr wollt" Premiere, Regie Marthaler, Bühne: Viebrock. Opulent dokumentiert der Berliner Theaterkritiker Klaus Dermutz das Opus Marthaler in seinem Buch "Die einsamen Menschen sind die besonderen Menschen" (Residenz Verlag), mit vielen schönen (privaten) Fotografien und Texten u. a. von Frank Castorf, Gerard Mortier, Ivan Nagel. Im Verlag Theater der Zeit hat Bettina Masuch "Anna Viebrock Bühnen / Räume" verewigt. Bilder, die Geschichten erzählen von einem Theater, das wir in Berlin mehr vermissen, als je geglaubt. Der Marthaler-Affekt zündet langsam: Erst kommt die Ermüdung und dann das Adrenalin. Wie bei einem guten, langen Witz. Und die Witze in den Marthaler-Inszenierungen, notabene Backen ohne Mehl oder Uschi, waren die besten.

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