Planspiele : Chefsalat

Was das Deutsche Symphonie-Orchester und die Deutsche Oper Berlin für 2010/11 planen. Klar ist: Beide wollen in der kommenden Saison künstlerisch von sich reden machen.

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Es gibt Tage in Berlin, da wird sogar der gemeine Musikkritiker zum rasenden Reporter: Am Donnerstag gaben das Deutsche Symphonie-Orchester sowie die Deutsche Oper ihre Pläne für die kommende Saison bekannt, zeitlich so dicht nacheinander, dass die Institutionen sogar einen Transfer-Shuttle für die Presse organisierten. Ein Zahlen-Daten-Fakten-Marathon, der sich lohnt: Beide wollen 2010/11 künstlerisch von sich reden machen.

Das DSO, das ja über kein eigenes Haus verfügt, veranstaltet seine Spielplan-Präsentationen gerne an Orten, die etwas über den aktuellen Zustand des Orchesters aussagen: 2008 ging es im Offkultur- Zentrum Tacheles um Innovation und Aufbruch, vergangenes Jahr herrschte im Kino Babylon dagegen Sprachverwirrung, als Chefdirigent Ingo Metzmacher überraschend seinen Rücktritt zu diesem Sommer verkündete. Diesmal nun hat das DSO in die Villa Elisabeth an die Invalidenstraße geladen – und tatsächlich ist das Orchester derzeit angeschlagen: Ein neuer Chefdirigent ist noch immer nicht unter Vertrag, obwohl sich die Musiker intern mit großer Mehrheit für den 1977 geborenen Osseten Tugan Sokhiev ausgesprochen haben.

ROC-Intendant Gernot Rehrl betont zwar, man sei in intensiven Verhandlungen, doch der Maestro, der auch Musikchef im südfranzösischen Toulouse ist, will wohl erst einmal das Ergebnis einer Evaluierung abwarten, die bis Ende April läuft. Dabei soll geklärt werden, ob es finanziell sinnvoll ist, die Rundfunkorchester und -chöre GmbH, zu der auch das DSO gehört, zu zerschlagen. Dann müssten sich die bisher unter dem ROC-Dach geschützten Ensembles jeweils auf eigene Faust neue Träger suchen.

Während das DSO also noch um einen der aktuellen Taktstock-Shootingstars ringt, hat es mit Alexander Steinbeis bereits einen Orchesterdirektor aus der jungen Generation. Von dem 36-Jährigen stammt nicht nur das griffige Saisonmotto „Nachtgestalten“, er hat es auch mit klug konzipierten Programmen unterfüttert. Überhaupt darf man sich 2010/11 auf viele unkonventionelle Abende freuen.

Es dirigieren Altmeister wie Georges Prêtre und Herbert Blomstedt, Roger Norrington und Jonathan Nott vertreten die Intelligenzia, ihr Debüt beim DSO geben unter anderem Cornelius Meister und Pablo Heras-Casado. Dass Metzmachers Vorgänger, Kent Nagano, gleich drei Mal nach Berlin kommt, weiß das Orchester als echten Freundschaftsdienst zu schätzen.

Nagano kommt gleich dreimal, Runnicles dirigiert zwei Premieren

Kurz darauf präsentiert sich am anderen Ende der Stadt Kirsten Harms so entspannt wie selten: Mit der kommenden Saison läuft ihre Intendanz an der Deutschen Oper aus, dann will sie sich mindestens zwei Jahre als freischaffende Regisseurin gönnen. Kein Wunder, dass sie Gerüchte schmeichelhaft findet, sie sei für den nächsten „Ring“ in Bayreuth im Gespräch. Und wenn Kirsten Harms erzählt, wie sie das Charlottenburger Musiktheater aus der Krise geholt hat – „eine Krise, so sagen mir Mitarbeiter, die mit der Wende begann“ –, dann tut sie das mit echtem Stolz: „Es gibt niemanden in Deutschland, der Vergleichbares in so kurzer Zeit geschafft hat.“ Die Finanzen sind in Ordnung, ihr Publikum ist das treueste der Stadt, für 2010 wird eine Auslastung von durchschnittlich 73,5 Prozent erwartet. Sicher, über ihre Nichtverlängerung wurde zu früh debattiert, ihr Nachfolger Dietmar Schwarz dagegen zu spät berufen.

Aber was soll’s, sie ist ja nicht zum Jammern hier, sondern um ihren prachtvollen Premierenreigen vorzustellen. Angela Gheorghiu und Jonas Kaufmann geben Cileas „Adriana Lecouvreur“ konzertant, Vesselina Kasarova und José Cura singen und spielen in Saint-Saëns’ „Samson und Dalila“. Roland Schwab wagt sich an einen neuen „Don Giovanni“, Generalmusikdirektor Donald Runnicles erarbeitet Berlioz’ „Trojaner“ (Regie: David Pountney) sowie „Tristan und Isolde“ (Graham Vick), Harms selber befragt Strauss’ „Liebe der Danae“. Aus Köln wird Robert Carsens „Macbeth“ übernommen, und Andrea Bocelli singt Massenets „Werther“.

Im Repertoire prunkt man mit Namen wie Anja Harteros, Erwin Schrott und Joyce DiDonato, zu Jahresbeginn 2011 gibt es „Revolutions-Wochen“ mit explosiven Stücken von „Figaro“ bis „Andrea Chenier“. Und zum Intendantinnen-Abschied am 9. Juli kosten dann alle „Tannhäuser“- Tickets nur 25 Euro. „Ich habe den Eindruck“, strahlt Kirsten Harms, „die Fans wollen mit mir feiern.“

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