Kultur : Plastik aus 200 Jahren: Aufstieg und Fall

Wolf Jobst Siedler

Das Brandenburger Tor von Langhans mit der "Quadriga" Schadows ist eine Art Chiffre Berlins geworden; kaum eine Fernsehsendung, die ohne Tor und Viergespann auskommt. Tatsächlich haben, seit Napoleon die Quadriga 1806 als Kriegsbeute nach Paris mitnahm, fast alle dramatischen Ereignisse der deutschen Geschichte vor der Kulisse von Tor und Quadriga stattgefunden - die triumphale Rückkehr der geraubten Quadriga nach dem Freiheitskrieg 1815, der Auszug der Truppen zu dem deutsch-französischen Krieg von 1870, die Rückkehr der geschlagenen kaiserlichen Armee nach dem Ersten Weltkrieg 1918, und schließlich war an diesem Punkt der Fall der Mauer 1989 das Signal für den Zusammenbruch des ostdeutschen Satellitenstaates. Es gibt kein anderes Monument, das in solchem Maße geschichtlich mit Bedeutung beladen wäre.

Schadow hat die Berliner Bildhauerei aber nicht nur historisch, sondern auch künstlerisch akzentuiert. Seit einer Prinzessinnengruppe und der Quadriga und seit Rauchs Sarkophag im Charlottenburger Mausoleum war die Mustergültigkeit der Berliner Skulptur unbestritten. Die Vorherrschaft des Franzosen Houdon, des Italieners Canova und des Dänen Thorwaldsen war mit einem Schlag zu Ende. Fast ein Jahrhundert hindurch sollte Berlin jetzt in der europäischen Bildhauerei führend sein, wie noch heute unzählige Denkmäler Berliner Bildhauer auf den Plätzen Amerikas, Ungarns und Russlands vor Augen führen. Erst in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts tritt das übermächtige Vorbild von Rodin und Maillol an die Stelle der Berliner Bildhauer.

Es ist sonderbar, wie dieser Berliner Ruhm so schnell und so vollkommen in Vergessenheit geraten ist. Die Bildhauer aus der Schule Schadows und Rauchs kannte einst jeder Gassenjunge in Berlin, schon weil vor allen öffentlichen Gebäuden und auf allen Plätzen Berlins ihre Werke standen, Hagemann und Wichmann, Emil Wolff und Ridolfo Schadow, Friedrich Drake und Fritz Schaper. Dann aber setzten die Italiener, Franzosen und Engländer die deutschen Bildhauer ab, Henry Moore vor dem Bonner Bundeskanzleramt und Eduardo Chillida vor dem Berliner Bundeskanzleramt führen das noch einmal vor Augen. Welcher Bildhauer würde sich heute auch für nationale Aufgaben aufdrängen?

Den größten Teil der Plastiken zeigen Asta v. Bethmann Hollweg und Volker Westphal in ihrer Galerie in der Riehlstraße , aber schon ein Blick in den Katalog "Beispiele Berliner Plastik aus 200 Jahren" macht den Reichtum der versunkenen Berliner Tradition deutlich. Die beiden Kunsthändler, die sich seit jeher um die sonst oft vernachlässigte Bildhauerei kümmern, haben fünfundvierzig Exempel Berliner Plastik zusammengetragen, von denen die meisten verkäuflich sind. Die Schau beginnt natürlich mit Gottfried v. Schadow selber und geht über seinen Sohn Ridolfo Schadow und seinen Neffen Emil Wolff, von dem die bedeutendste Gruppe auf der Schlossbrücke stammt, bis zu Georg Kolbe, Renee Sintenis, Ernesto de Fiori und Louis Tuaillon. Die kleine aber kostbare Ausstellung schliesst mit Hauptwerken von Richard Scheibe, dessen "Zehnkämpfer" von 1934 gezeigt wird, und Waldemar Grzimek, dessen "Bedrohter" von 1969 eine der letzten Arbeiten des unverwechselbar berlinischen Bildhauers war.

Aber nicht nur die grossen Namen machen den Reiz dieser Ausstellung aus. Oft sind es gerade unbekannte Werke der fast vergessenen Bildhauer wie der Begas-Schüler Reinhold Felderhoff und August Kraus, die noch einmal die Lebendigkeit dieser Schule vor Augen führen. Schließlich ermattete die Berliner Tradition immer deutlicher. Aber ein Frühwerk Arno Brekers aus dessen Pariser Jahren zeigt, welche Begabung sich hier im willfährigen Dienst für das Kunstwollen des Dritten Reiches ruinierte.

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