Platten-Label : Der Klang der Nacht

Euphorie in Scheiben: Immer mehr Clubs wie das Berghain, Watergate und die Bar 25 betreiben eigene Platten-Label.

Andreas Hartmann
Magnet. Das Berghain zieht Besucher aus der ganzen Welt an.
Magnet. Das Berghain zieht Besucher aus der ganzen Welt an.Foto: Caro / Eckelt

Nick Höppner bringt es gleich auf den Punkt: „Ein Clublabel ist einfach eine naheliegende Idee. In deinem Club spielen dauernd die besten DJs. Du sitzt also sozusagen an der Quelle.“ Höppner betreibt das hauseigene Plattenlabel von Berlins berühmtestem Club, dem Berghain. Ostgut Ton heißt es, in Erinnerung an den direkten Vorläufer des Berghain, das inzwischen sagenumwobene Ostgut.

Die Idee, einen bekannten Club mit einer angeschlossenen Plattenfirma zu crosspromoten, greift immer mehr um sich. In diesen Tagen erscheint ein ganzer Schwung von Platten, die als eigenständige künstlerische Statements funktionieren, gleichzeitig aber auf bestimmte Clubs verweisen, in denen man genau zu dieser Art von Musik auch tanzen kann. Sven Väth, der vielleicht immer noch bekannteste DJ Deutschlands, veröffentlicht mit „The Sound of the Eleventh Season“ einen weiteren Teil seiner DJ-Mix-Serie, mit der er jedes Jahr die Musik auf seinem Label Cocoon präsentiert, die er in der Sommersaison bevorzugt in seinem Club Cocoon in Ibiza aufgelegt hat. Lee Jones, ein DJ, der regelmäßig im Club Watergate arbeitet, hat gerade eine weitere Mix-CD auf dem eigenen Label des Berliner Clubs herausgebracht, und Ostgut Ton feiert sein fünfjähriges Bestehen mit der Doppel-CD „Fünf“.

Dass jetzt Clubs verstärkt in das Geschäft mit Musik einsteigen, hat viel mit den Verwerfungen des Musikmarktes zu tun, die im Bereich der Clubmusik besonders gravierend ausfielen. „Plattenfirmen verdienen mit Technoplatten kein Geld mehr“, sagt Robin Drimalski, der das Watergate-Label betreut. Das ehemals im Clubbereich fetischisierte Vinyl verkauft sich sowieso kaum noch, der Markt konzentriert sich auf Downloads, wo die Verkäufe auch gering sind. Dennoch ist Clubmusik auch weiterhin ein funktionierender Markt, was daran liegt, dass die Clubkultur so boomt. Wie in der Pop- und Rockmusik gibt auch der Clubmusikfan sein Geld inzwischen weniger für Tonkonserven aus, sondern für das Live-Erlebnis. Die Clubs sind jetzt also diejenigen, die in Form von Gagen an die bei ihnen auflegenden Technoproduzenten das Geld verteilen, und nicht mehr die Musikindustrie. Die Musik selbst bleibt dabei enorm wichtig, aber nicht mehr als Verkaufsargument im Plattenladen, sondern um den eigenen Bekanntheitsgrad als DJ zu steigern, um leichter an lukrative Clubbookings zu kommen.

Clubs sind die neuen Supermarken im Unterhaltungsgeschäft, gerade in Berlin, wo sie entscheidend dazu beitragen, dass es mit dem Tourismus so gut läuft. Die bekanntesten Clubs der Stadt, die Bar 25, das Watergate und das Berghain, sind international bekannt und landen auch in der englischen Fachpresse auf vorderen Plätzen der Club-Rankings. „Das Label hat etwas mit dem Erfolg des Clubs zu tun und natürlich umgekehrt“, sagt Nick Höppner. Somit ist es kein Zufall, dass gerade diese drei Clubs eigene Labels betreiben. Die Platten, die dort erscheinen, werden auch international wahrgenommen. Damit verschickt man sozusagen regelmäßig Visitenkarten an die Clubjugend Europas und weist darauf hin, für welche Art von Sound der Club gerade steht.

Auf der „Fünf“-CD hört man dann auch Tracks von Marcel Dettmann, Ben Klock oder Prosumer, alles DJs oder Live-Acts, die regelmäßig im Berghain auftreten. Nick Höppner sagt: „Im Prinzip gilt es, mit dem Label den Resident-DJs eine Plattform zu geben.“ Das Watergate steht als Club eher für hochwertigen Minimal-Techno, genau den gibt es auch auf den bislang veröffentlichten Mix-CDs von Onur Özer oder Sascha Funke. Auch hier gilt: „Es geht darum, die eigenen Leute zu fördern, DJs, die bei uns schon jahrelang aufgelegt haben“, so Robin Drimalski. Er gibt zu, dass die Produktion der Mix-CDs auf dem Hauslabel ein Verlustgeschäft sei, sich das Ganze aber trotzdem rechnen würde. Einmal werde die eigene Marke gestärkt, was sowieso unbezahlbar ist, außerdem ersetzt die kostenlose Besprechung einer Watergate-CD in einem Fachmagazin durchaus eine bezahlte Anzeige.

Eigene Labels ermöglichen es den Clubs, als Marken auf vielfältige Art und Weise zu zirkulieren. Lee Jones beispielsweise wird mit seinem Watergate-Mix auf eine kleine Clubtour geschickt, das Watergate bewegt sich damit durch die Republik. „Der Club selbst ist nicht mobil“, sagt Höppner, „aber das Label ist ein Arm, der weit ausgestreckt werden kann.“ Das geht so weit, dass die Bar 25, die es seit kurzem ja gar nicht mehr gibt, im November eine Clubnacht in der Arena veranstalten wird. Mit den DJs Philip Bader und Dirty Doering, die beide gerade neue Platten auf dem Label der Bar 25 veröffentlicht haben. Clublabels ermöglichen den Clubs sogar ein Leben nach dem Tod.

Zuletzt sind die Alben „In The Mix/The Sound of the Eleventh Season“ von Sven Väth (Cocoon), „Watergate 07“ von Lee Jones (Watergate) und der Sampler „Fünf“ (Ostgut Ton) erschienenOSTGUT TON].

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