Kultur : Plattentest

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Kai Müller will den

PopBeauftragten der SPD sprechen

„Lange überfällig“, nannte Sigmar Gabriel das Ende von Modern Talking. Deren Musik hätte er ohnehin nie gemocht. Und Bundestagspräsident Thierse will jetzt auch eine Radio-Quote wie in Frankreich einführen. Da braut sich was zusammen. Denn Politiker interessieren sich für Pop eher selten. Und noch seltener freiwillig. Aber man weiß ja nie. Sogar Edmund Stoiber dreht das Radio lauter, wenn „Twist & Shout“ gespielt wird, sagt er. Die Beatles sind Konsens, die kennt jeder. Doch der Kanzler kennt ein paar Pop-Größen persönlich. Von Westernhagen hat er sich einen Kulturstaatsminister aufschwatzen lassen, und mit den Scorpions verdrückt er im Kanzleramt gelegentlich eine Wurst. Aber Schröder kann sich in seiner Partei nicht um alles kümmern. Deshalb überlässt er die Popkultur jetzt seinem politischen Ziehsohn Gabriel. Den hätten wir bis vor kurzem nur für einen abgewählten Ministerpräsidenten gehalten, der gerne segelt und irgendetwas Komisches mit den Steuern vorhatte, wovon alle anderen ihn mit Mühe aber wieder abgebracht haben. Als „Pop-Beauftragter“ seiner Partei hat er nun einen Traumjob. Da kann er nämlich nichts falsch machen. Er darf sich mit Dingen beschäftigen, die Spaß machen.

Und wir dachten, dass so ein „Pop-Beauftragter“ in seinem Büro eine geile Stereoanlage hat und den ganzen Tag super Musik hört, wollten wir ihn besuchen. Wir hätten unsere Lieblingsplatten mitgebracht – reden Politiker nicht immer häufiger über ihre Lieblingsplatten? – und wir hätten uns hingesetzt, Musik gehört und über Musik geredet. Wie sie ein Leben verändern kann. Wie sie ... Doch er wollte nicht. Wir dachten, es liege vielleicht an seiner Plattensammlung. Manchmal wollen Musikfreaks ja nicht, dass man fremde Platten mitbringt und sie auf Lücken in der eigenen Sammlung hinweist. Denn nichts ist schmerzhafter als ein Nichthaben, von dem man weiß, dass es vermeidbar gewesen wäre, wenn man nur die richtigen Freunde gehabt hätte.

Gabriel wollte aber aus anderen Gründen nicht. Erst einmal, hieß es, müsse er sich mit der Sache beschäftigen. Dafür reicht ein Blick auf die Hitparade nicht aus. Er muss Leute aus der Branche treffen, sich deren Sorgen anhören und Themen setzen. Es gibt so viel zu tun in der Krise, in der sich die deutsche Musikwirtschaft derzeit befindet. Als ehemaliger Ministerpräsident sei er für so etwas der absolut richtige Mann, sagt die SPD.

Ohne Zweifel. Aber warum? Weil er Modern Talking nicht für einen Telefonanbieter hält?

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