Kultur : Platz nehmen zur Bärenparade

Das FINALE DER BERLINALE : Zur Preisverleihung wurde zum letzten Mal der rote Teppich ausgerollt

Andreas Conrad

Deutsche Filme? Kann man vergessen. Haben gegen auswärtige Produktionen nicht die geringste Chance. Oder, um den Senator für Bildung in seiner Berlinale-Bilanz zu zitieren: „Über den Leistungsabstand, den die deutschen Filme bei einem Vergleich mit den ausländischen Schöpfungen erkennen ließen, wird noch viel gesprochen werden. (…) Die künstlerischen Rezepte, nach denen in der Regel in unseren Ateliers gearbeitet wird, verfangen nicht mehr.“

Riskierte ein heutiger Politiker so harsche Worte über die inländische Filmproduktion, so würde er zu Recht in der Luft zerrissen und völliger Unkenntnis der aktuellen Filmproduktion geschmäht. Joachim Tiburtius aber hatte wohl nicht allzuviel zu befürchten, die Qualität der deutschen Filme bei der ersten Berlinale 1951 ließ einfach zu wünschen übrig, daran war kaum zu rütteln. Die Bären gingen denn auch alle ins Ausland.

Der Blick zurück kann nicht schaden, eignet sich hervorragend, um Stirnrunzeln, Einwände, Mäkeleien gegenüber dem heute endenden Festival zu realtivieren. Mittlerweile kommt man im Registrieren hochkarätiger Besucher kaum mehr hinterher, sie wechseln mitunter schon stündlich. Damals hatte die Berlinale nur einen alle anderen überstrahlenden Gast: Joan Fontaine, Hauptdarstellerin in Alfred Hitchcocks damals nicht mehr ganz frischen Psychothriller „Rebecca“. Preischancen hatte der Film wegen seines Alters keine, die Bären gingen statt dessen an Streifen, die heute weitgehend vergessen sind: „Die Vier im Jeep“ (Kategorie Dramatischer Film), „Sans Laisser d’Adresse“ (Komödie), „Justice est Faite“ (Kriminal- und Abenteuerfilm), Disneys „Cinderella“ (Musikfilm), Disneys „Beaver Valley“ (Langer Dokumentarfilm). Für den deutschen Beitrag „Dr. Holl“ fiel nur eine Ehrenurkunde ab.

Heute prägt die Berlinale die ganze Stadt, besonders natürlich die Gegend um den Potsdamer Platz. Damals war man froh, im Titaniapalast ein intaktes Veranstaltungsgebäude gefunden zu haben. Und der Berlinale-Bär sah auch noch etwas anders aus, hatte die rechte Tatze erhoben statt der linken, wirkte zudem glatter, nicht fast struppig wie das heutige Modell. Allerdings stammte er schon damals von der Berliner Bildhauerin Renée Sintenis.

Tradition und Moderne würden sich also in der Abschlussfeier der 57. Berlinale am gestrigen Abend wieder aufs Schönste verbinden. Um 17.45 Uhr sollte der Einlass beginnen, da würden die Prominenten also wie gewohnt über den roten Teppich strömen, die ganz Prominenten empfangen von Festival-Chef Dieter Kosslick persönlich. Die Feier sollte dann um 19 Uhr beginnen, in der Preisverleihung ihren Höhepunkt finden und dann in den Abschlussfilm „Angel“ von François Ozon münden, dem beim Präsentieren seines neuens Werkes die Schauspieler Romola Garai, Lucy Russell und Sam Neill assistieren würden.

Für die Moderation hatte man wieder Charlotte Roche verpflichtet, deren Girlie-Munterkeit schon die Eröffnung aufgelockert hatte. Später wollten sich die Preisträger und andere handverlesene Gäste im Borchardt in der Französischen Straße die Nase begießen – und auf die kommende Berlinale anstoßen.

Entfallen würde auch in diesem Jahr das große Feuerwerk, das es im Eröffnungsjahr erstmals gegeben hatte und das dann zu einem schönen Brauch geworden war. Aber damals fanden die Filmfestspiele ja auch noch im Sommer und das pyrotechnische Vegnügen in der Waldbühne statt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar