Kultur : Play it again

Im Copyshop: das erstaunliche Debütalbum der kalifornischen Rockband The Blood Arm

Sebastian Gierke

Rock ist tot. Rattentot. Aber wenigstens ist Rockmusik eine faszinierende, sogar schöne Leiche – weshalb man sie nicht in Frieden ruhen lässt, sondern am immer noch offenen Grab schreiend, schwitzend, schlagend und schrammelnd eine schwarze Rock-Totenmesse nach der anderen feiert. Die Strokes aus New York kamen als Erste an die Gruft, mittlerweile gibt es für jedes Jahrzehnt der Rock-Geschichte Grabwächter, Pilger, Andenkenbewahrer und Museumsdirektoren.

Natürlich sind auch ein paar PseudoWiedergänger darunter, MöchtegernZombies wie die Australier Wolfmother, die in Lederleggins und mit Airbrushcover versuchen, authentisch zu wirken. Die meisten jedoch gehen offen und offensiv damit um, dass sie mit totem Material arbeiten. Die Killers zum Beispiel oder Franz Ferdinand, die Arctic Monkeys und die Kaiser Chiefs. Diese Bands kompilieren Zitate, basteln aus Müll etwas Neues zusammen. Und die Kritiker verstummen nicht, die in diesem Retrotrend nur eine Masche vermuten.

Unübersichtlich ist es allerdings an der Grabstätte der schrammelnden Gitarren und hymnischen Melodien geworden, zu viele Bands drängeln sich dort. Und ständig versuchen neue Formationen, sich einen guten Platz zu sichern. Aktuell: The Blood Arm, die am britischsten klingende Band aus Kalifornien.

The Blood Arm verstehen was von Moden und Trendstrategien. Sie rocken in dem Bewusstsein, dass gute Songs alleine schon lange nicht mehr ausreichen. Die vier wissen: Menschen zahlen, um andere, die an sich selbst glauben, sehen und hören zu können.

Noch bevor die Band irgendwo zu hören war, erzählte Sänger und Gründer Nathaniel Fregoso in der Musikmetropole Los Angeles herum, dass The Blood Arm „das nächste große Ding“ seien. So jedenfalls wird es auf der Warner-Website kolportiert. The Blood Arm sind berechnend großkotzig. Ein glücklicher Zufall wollte es außerdem, dass Franz Ferdinand während einer US-Tour ein Konzert des kalifornischen Quartetts besuchten und die Band seitdem protegieren. Und eine interessante Geschichte zur Bandgründung gibt es auch noch: Der Legende nach soll Fregoso seinen wichtigsten Mitstreiter, den Gitarristen Zebastian Carlisle, in einer asiatischen Karaokebar in L.A. getroffen haben. Das passt. Denn etwas renitent Uneigenes ist der Band erhalten geblieben. Gute Voraussetzungen also für einen prominenten Platz am offenen Grab.

Dort war jedoch das Gedränge so groß, dass sie nur die Epigonen zu Gesicht bekamen. Oder wollten sie gar nicht genauer hinsehen? Wie auch immer: The Blood Arm liefern mit ihrem Debütalbum „Lie Lover Lie“ die Kopie von einer Kopie. Sie zitieren nicht Gang of Four, wie das Franz Ferdinand großartig vorgemacht haben, sondern sie zitieren Franz Ferdinand. Und die Stimme hat keine Ähnlichkeit mit der von Jim Morrison, sie erinnert vielmehr an Brandon Flowers, den Sänger der Killers. Der wiederum klingt wie Jim Morrison. Damit haben The Blood Arm die nächste Stufe des unbeschwert Unechten erklommen.

Trotz allem: 2007 wird auch das Jahr von The Blood Arm. Wir werden sie feiern. Alle. Fast. Im Club, wenn der DJ „Suspicous Character“ spielt. Auf Konzerten. Und zu Hause, mit der Luftgitarre, hüpfend auf dem Bett. Wir werden schreien und schwitzen, die Faust in den Himmel recken und dem Rock huldigen.

Wieso nur? Wie kann eine derart falsche Konstruktion solche echten, großen Gefühle entfachen? Ganz einfach: Weil im Pop und im Rock nichts lebendig ist – außer das Aktuelle. Weil im Moment, in dem im Club der Beat des Openers „Stay Put!“ einsetzt, die Vergangenheit vergessen ist. Weil keiner um das Grab herumspringt, sondern alle auf dem Grab tanzen. Der Leichnam ist vergessen. Für kurze Zeit wird Gegenwart zelebriert.

Da ist es egal, dass das Intro von „The Chasers“ bei Supertramp geklaut ist, dass sich „Accidental Soul“ stark an „The Fall“ orientiert“, dass „Angela“ mehr als nur von Adam Green inspiriert ist. All diese Assoziationen wischen The Blood Arm mit großer Rockgeste weg. So leitet Fergoso die Platte mit der Zeile ein: „Yo, I lay down some fuckin’ hits.“ Klar, wie auch sonst? Und später singt er: „I like all the girls, and all the girls like me“, um anschließend zu versichern: „Every woman says to me: oh ah ah ah ah ah ah oh.” Das könnte man als peinlich-anmaßende Selbstdarstellung abtun, im Kontext des Albums jedoch funktionieren solche Zeilen.

Dazu gibt es hektische Gitarren und ein pumpendes Schlagzeug, tolle Melodien und keinen Bass. Dessen Part übernimmt Pianistin Dyan Valdés, die mit mächtigen, erdigen Läufen die zwölf Songs am Rockfundament festzurrt und so den Luschenverdacht vermeidet, der Indiebands oft anhaftet, wenn sie ein Klavier verwenden.

„Do I Have Your Attention?”, fragen The Blood Arm in einem Song. Die Antwort: Ja. Für einen Augenblick.

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