Kultur : Playboy, Papst und Jungfrau Maria

Stefan Herheims „Don Giovanni“ in Essen

Frederik Hanssen

Am Ende muss der Papst persönlich eingreifen, um Leporello zu exorzieren. Im Essener Opernhaus ist Leporello nämlich ein schmerbäuchiger Pfarrer an der Kirche San Giovanni, der beim Abendmahl halluziniert: Das Altarbild wird lebendig, aus dem Rahmen steigt aber statt des Jüngers Johannes Mozarts Musiktheaterwüstling, um schnurstracks eine Minderjährige zu verführen. Weil nur Leporello und das Mädchen diesen Giovanni sehen können, eilt statt des leiblichen Erziehungsberechtigten der Heilige Vater zu Hilfe. Kaum hat Giovanni den Papst niedergestreckt, riecht er schon wieder Frauenduft: Es ist Elvira in Gestalt der Jungfrau Maria, die ihr Lamento vom ungetreuen Liebhaber singt. Während ihr Leporello in bester seelsorgerischer Absicht das Register von Giovannis Eroberungen herunterbetet, vernascht der Don im Beichtstuhl schnell noch eine Nonne, die der Muttergottes gerade Blumen bringen wollte.

Stefan Herheim ist der hemmungsloseste Fabulierer des deutschen Regietheaters. Wie Giovanni die Frauen, so liebt er die Assoziationen, Anspielungen, Querverweise. Der Ideenreichtum des 1970 in Oslo geborene Wahlberliners kann grandios funktionieren, wie in Essen, wo er 2002 Bellinis „Puritaner“ in die Hinterzimmer der Pariser Opéra verlegte – schlüpfrige Sache zwischen älteren Herren und Ballettratten, wie auf Gemälden von Degas. Das kann in seiner Bildgewalt verstören wie bei der Salzburger „Entführung aus dem Serail“. Oder ins optische Delirium abdriften wie bei Verdis „Macht des Schicksals“ an der Berliner Staatsoper, wo alle Männer und Frauen identisch aussehen und sich der Regisseur selber im Symbolwald verwirrt.

Doch weil Herheim nicht nur ein Träumer ist, sondern auch ein virtuoser Profi, reißen sich die Theater um ihn. In Berlin wird er demnächst „Lohengrin“ inszenieren, in der künftigen europäischen Kulturhauptstadt Essen untermauert man mit dem wiederholten Engagement des Norwegers den Anspruch, ganz oben mitzuspielen. Intendant und Generalmusikdirektor Stefan Soltez will hier schaffen, was Simon Rattle in Birmingham gelang: das Wunder in der Provinz – um dann selber international abzuheben. Ausgerechnet bei der „Don Giovanni“Produktion allerdings schwächelt die musikalische Seite. Der Mozart-Klang der Essener Philharmoniker ist viel zu soft für das knallige Bühnengeschehen. Hier wäre der heftig angeschärfte Sound der historischen Aufführungspraxis im Kampf um die Aufmerksamkeit moderner Augenmenschen wirklich angebracht. Soltez vernachlässigt zudem die tiefen Stimmen: Wo aber das Bassfundament kaum zu hören ist, fehlt der Musik der Pulsschlag.

Stefan Kocan ist ein beeindruckend stimmstarker Commendatore, Almas Svilpa ein kerniger Leporello, Silvana Dussmanns Donna Anna fehlt es dagegen an Geschmeidigkeit. Diogenes Randes’ Bariton ist für die Titelrolle eine Nummer zu klein. Nur szenisch ist der Giovanni eine Wucht – weil Stefan Herheim selber auf der Bühne agiert, entfesselt, stummfilmreif, genialisch grotesk, ganz wie sein Regiestil, während der Sänger, durch einen Bänderriss lädiert, nur von der Seite die Töne zuliefert.

Zerlina und Masetto sind bei Herheim kein blutjunges Bauernpaar, sondern ein rüstiges Rentnergespann, das zufällig Zeuge der ersten Vergewaltigung Giovannis wird und sich darum immer wieder in die Handlung einmischt. Ihr Laufwagen ist der rolling gag, Helen Donath selber ist die Königin des Abends. Donaths erster Auftritt als Zerlina liegt sicher vier Jahrzehnte zurück. Was sie seitdem an Erfahrungen gesammelt hat, schlägt sich in grandioser Bühnenpräsenz nieder.

Spätestens hier wird klar, was für eine Zumutung dieser „Don Giovanni“ ist, dass hier ein ganzer Saal dreieinhalb Stunden gezwungen wird, die Früchte sekundärliterarischer Lektüre eines Regisseurs aufzuklauben, der sich anmaßt, eine bessere Geschichte erzählen zu können als Mozarts Librettist Lorenzo da Ponte. Wenn Pfarrer Leporello im Finale seine Kutte fortwirft und – textkonform – erklärt, er suche sich jetzt einen anderen Herrn, möchte man ihm zurufen: Geh ohne Gott, aber geh!

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