Kultur : Plötzlich Liebe Starkes Kino-Debüt:

„Nachbarinnen“

Martin Schwickert

Arbeit. Routine. Eleganz. Nah liegen sie beieinander, wenn Dagmar Manzel als Paketzustellerin Dora ihren Dienst verrichtet. Schon nach ein paar Minuten, in denen sie sich in Franziska Meletzkys Debütfilm „Nachbarinnen“ bewegt, meint man sie lange zu kennen. Ihre Kraft. Ihre Strenge. Ihre Einsamkeit. Und ihre Wut, wenn sie abends Teegläser in eine Plastiktüte wirft, sie auf der Tischplatte zertrümmert und Scherben samt Tüte in den Mülleimer wirft. Eine kontrollierte Implosion aus Aggression und Sehnsucht, wunderbar prägnant dargeboten: „Nachbarinnen“ ist ein überfälliges Geschenk an die Schauspielerin Dagmar Manzel, die im Kino oft nur in markanten Nebenrollen zu sehen ist. Dies ist ganz ihr Film: Er spielt in Leipzig-Mockau, wo die Regisseurin aufgewachsen ist – und wo die Kneipen „Das Bernds" und die Pommesbuden „Hollis Imbiss“ heißen.

Eines Nachts fallen Schüsse im „Bernds“. Die polnische Kellnerin Jola (Grazyna Szapolowska) steht zitternd vor Doras Wohnungstür. Im Handgemenge habe sie auf den zudringlichen Chef geschossen, sagt sie, während aus dem Off die Polizeisirenen näher kommen. Dora ist nicht gerade der Typ, der fremde Leute in die Wohnung lässt. Trotzdem sitzt Jola bald in signalrotem Mantel und mit nicht weniger geröteten Lippen in Doras blassfarbenem Wohnzimmer. Der kriminelle Verdacht löst sich bald in Luft auf, aber da hat sich Dora schon in die schöne Jola verliebt. Ziemlich hakelig, wenn sich Leute verlieben, die sich in der Einsamkeit eingerichtet haben; ziemlich schmerzhaft ihre Fehler, wenn sie das unverhoffte Glück festhalten wollen.

Natürlich hat dieser Debütfilm Schwachstellen. Die TV-Ästhetik etwa – aber wann hat man zuletzt im Fernsehen ein solch liebevoll eingerichtetes Setting gesehen, in dem nicht nur DDR-Wohnkultur und West-Innovationen unmerklich miteinander verschmelzen, sondern sich zwischen Kakteensammlung und tapezierter Stubentür auch der spröde Charakter der Hauptfigur manifestiert? Meletzky kennt sich aus im ostdeutschen Hausgemeinschaftsmilieu, in dem die Grenzen zwischen sozialer Kontrolle und Geborgenheit fließend sind; und es ist schön, dass ihr Osten – wie bei Andreas Dresen – mehr ist als skurrile Kulisse für föderal geförderte Allerweltsfilme.

Hackesche Höfe, Kulturbrauerei, Xenon

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