Kultur : Plötzlich Prinzessin

Die Sopranistin Anna Netrebko ist ein Shooting Star. Jetzt erscheint ihre Biografie. Aber wie viel Hype verträgt die Klassik?

Frederik Hanssen

Der Hauptdarsteller betritt die Bühne auf Seite 111: Jeffrey Vanderveen, der „Mister X“ des internationalen Musikbusiness, der Manager, der die Stars macht. Ohne ihn wäre Anna Netrebko heute vermutlich immer noch da, wo sie 1995 war: in St. Petersburg, ein kleines Sternchen am Mariinsky-Theater. Vanderveen aber hat die attraktive Russin zur globalen Primadonna gemacht, zur bekanntesten lebenden Opernsängerin der Welt. In der Verkaufsstatistik 2004 besetzt sie mit zwei Arien-Recitals und einer Opern-Videoclip-DVD die Plätze eins, zwei und sechs im Klassik-Segment. Kein Wunder, dass da auch andere mitverdienen wollen. Im Rennen um die erste Biografie der Diva hat der Münchner Heyne Verlag gewonnen: Zweieinhalb Jahre nach ihrem Debüt im deutschsprachigen Raum – 2002 im Salzburger Festspiel-„Don Giovanni“ – liegt jetzt eine Lebensbeschreibung der 33-Jährigen vor, recherchiert von „Focus“-Redakteur Gregor Dolak.

Eine Hagiografie ist es nicht geworden. Eher eine 254 Seiten lange Klatschkolumne, aus der sich mindestens zwei Geschichten herauslesen lassen. Einerseits die Mär vom kleinen Mädchen, das in der russischen Provinz den Prinzessinnentraum träumt, und ihn sich durch Fleiß tatsächlich erfüllt. Andererseits ein Agenten-Krimi: wobei der Mann mit der Lizenz Vanderveen heißt. Jeffrey Vanderveen. Für Gregor Dolak repräsentiert der 1964 geborene Amerikaner, der aus dem Finanzbusiness zur Künstleragentur Columbia Artists stieß, den Kulturmanager-Typus des 21. Jahrhunderts: „Den Star versteht ihr Macher nicht mehr als singuläre Ausnahmekünstlerin, sondern als treibendes Element in einer Wertschöpfungskette, die er auf maximalen Gewinn auslegt. Große Sangeskunst im Geiste der Wall Street.“

Bei einem USA-Gastspiel des Petersburger Opernhauses fällt Vanderveen vor zehn Jahren die attraktive Dunkelhaarige auf. Als er beim Plausch hinter den Kulissen feststellt, dass die junge Frau auch noch ehrgeizig und extrovertiert ist, beschließt er, aus ihr einen Star zu machen. Mit allen Tricks, die in der modernen Mediendemokratie zulässig sind. Und vor allem: nach allen Regeln des Popmusikmarktes.

In dieser Erfolgsgeschichte, so erscheint es nach Lektüre der Biografie, kommt die Sängerin Anna Netrebko nur in einer Nebenrolle vor – als Marionette, die an den Fäden ihres Agenten durch die Welt zappelt. Die rund 40 Bühnenauftritte pro Saison sind das eine. Das andere, Entscheidende sind die Interviews und TV-Shows, das meet and greet mit dem Fans, die Partys, Empfänge, Opernbälle. „Die Zukunft“, sagt Vanderveen, „liegt in kombinierten Events, die wir selber als Pakete anbieten.“ Mit anderen Worten: Wenn Anna Netrebko auftritt, sind Mikros und Kameras immer dabei. Sie liefern das Material für Live-CDs und TV-Mitschnitte, die später, um ein making off erweitert, als DVDs herauskommen. So verpasst die Welt keine Note, kein Lächeln der Diva – und das Management verdient vielfach mit.

Natürlich gab es auch schon vor Anna Netrebko in der „Ernsten Musik“ Popstars. Nur wurden die anders gemacht. Anne-Sophie Mutter trat an der Hand von Herbert von Karajan ins Rampenlicht: Der Maestro entdeckte sie, förderte sie durch gemeinsame Auftritte. Als der Teenager erstmalig in einer schulterfreien Robe auftrat, hagelte es empörte Leserbriefe in der „Hörzu“. Wenn sich dagegen Anna Netrebko leicht bekleidet auf einem CD-Cover räkelt, erregt das ebenso wenig die Gemüter wie ihr Werbevertrag mit der Modefirma Escada. Anne-Sophie Mutter zählt zwar heute noch zu den Lieblingen der Boulevardmagazine – doch als Künstlerin hat sie ihren eigenen Weg gemacht. Auch von jenen Kennern, die ihren überfeinerten, manirierten Stil nicht mögen, wird sie hoch geachtet. Ähnlich erging es ihrer Geigen-Kollegin Midori. Sie startete als Wunderkind, verschwand dann aus den Konzertsälen, um nach einer mehrjährigen Reifephase als vollgültige Interpretin wieder aufzutauchen. Nicht mit dem Knalleffekt eines medial vorbereiteten Comebacks, sondern schlicht, weil sie jetzt Erhellendes in ihrem Repertoire zu sagen hatte.

Bei Anna Netrebko dagegen ist alles Kalkül, sogar die Fehlinformation. Da mag die Russin noch so oft betonen, dass sie nicht „die neue Callas“ sei, ihr Agent käut das Klischee auch im Gespräch mit Gregor Dolak ungerührt wieder: weil er weiß, dass dieser Name beim großen Publikum Assoziationen auslöst. Und genau an dieses Publikum will er ran. Kasse macht er nur mit Masse.

In ihrer Freizeit gehört auch Anna Netrebko zu ihrer eigenen Zielgruppe: Sie mag seichten Pop und „Jackass“ auf MTV, geht zum Bowling und schwärmt von ihren Besuchen in Disneyland. Die erstaunlichste Beschreibung in Dolaks Biografie stammt von dem Tenor Manolito Mario Franz: Netrebko sei „nicht übermäßig intelligent, dafür aber klug, fast gerissen“. Was ihre Biografie bestätigt: In der Schule im südrussischen Krasnodar stört die Tochter eines Wissenschaftler-Ehepaars in allen Fächern, die sie nicht interessieren. Im Freundeskreis kann es nur einen Mittelpunkt geben: Anna. Begeistert besucht sie das Operettentheater ihrer Heimatstadt, beschließt, Soubrette zu werden, geht mit 16 allein nach St. Petersburg. Dass sie als Putzhilfe im Mariinsky-Theater arbeitet und dort singend beim Bodenbohnern entdeckt wird, gehört zu den gerne kolportierten Anekdoten ihrer Aschenputtel-Karriere. Tatsächlich aber nimmt sie den Job zusammen mit ihrer Wohnheim-Zimmergenossin nur an, weil sie so Zugang zu allen Aufführungen hat: Mit ihrem Salär heuern die Nachwuchssängerinnen eine Profi-Raumpflegerin an, die an ihrer Stelle für Sauberkeit sorgt, während die Studentinnen im Saal ihre Repertoirekenntnis erweiterten. Anna Netrebko hat früh begriffen, wie eine auf Leistung orientierte Gesellschaft funktioniert: Wenn jeder sich auf das konzentriert, was er am besten kann, geht es am schnellsten voran.

Damals ahnt sie allerdings noch nicht, dass sie einmal in die Rolle der angeheuerten Ausputzerin geraten könnte: Ebenso wie jeder RTL-Superstar ist sie ihrem Management vollkommen ausgeliefert. Sie steht zwar auf der Bühne im Rampenlicht – wo, wann und mit welchen Rollen aber entscheidet ihr Agent. Über die „Traviata“ sagt sie: „Eine sehr schwierige, dramatische Partie. Sie ist gefährlich für die Stimme. Am liebsten möchte ich sie jetzt mal ein paar Jahre ruhen lassen.“ Doch genau mit dieser Rolle soll sie im Sommer bei den Salzburger Festspielen glänzen. Das Fernsehen wird wieder dabei sein, eine DVD ist geplant. Da kündigt sich ein Machtkonflikt zwischen Künstlerin und Kommerz an. Wenn es hieß, ein Sänger lasse sich „verheizen“, war damit bislang immer gemeint, dass er zu früh zu schwere Partien anpacke und damit seine Stimme vor der Zeit ruiniere. Im Fall von Anna Netrebko kommt eine weitere Bedeutung hinzu: Je wilder der Hype um ihre Person angefacht wird, desto größer wird das Risiko eines Absturzes.

Maria Callas ist an gebrochenem Herzen zugrunde gegangen. Auf diesem Gebiet ist die Russin bekennende Pragmatikerin: Ihren ersten festen Freund erlaubte sie sich mit 23 Jahren, nachdem sie eine Festanstellung beim MariinskyTheater in der Tasche hatte; mit ihrem aktuellen Lebensgefährten, dem Bassbariton Simone Alberghini, führt sie eine globalisierte Fernbeziehung. Gefahr droht eher vom Medienrummel und dem unbedingten Profitwillen der siechen Klassik-Plattenfirmen. Längst existieren zwei Anna Netrebkos: Die Frage ist nur, wie lange die Privatperson, die von Kollegen als ernsthafte, unprätentiöse Arbeiterin beschrieben wird, noch Lust auf die öffentliche Maske hat. Als die Wochenendbeilage der „Süddeutschen“ sie jüngst als markenfixiertes Modepüppchen vorführen wollte, entlud sich erstmals ihr Überdruss: Sie fauchte zurück.

Wer erlebt hat, wie die 55-jährige Mirella Freni – eine Sopranistin von ähnlichem Stimmtyp wie Anna Netrebko – vom Publikum der New Yorker Metropolitan Opera mit minutenlangem Begrüßungsapplaus empfangen wurde, weiß, dass Sängerglück nicht davon abhängt, wie viele Menschen einen kennen, sondern wie intensiv sie einem zuhören. Die Russin scheint auf dem Weg, das zu erkennen. Wenn ihr die Kunst wichtiger ist als die Kunstfigur, sollte sie ihr Management vor die Tür setzen – noch bevor Gregor Dolaks Biografie auf den Grabbeltischen landet.

Gregor Dolak: Anna Netrebko. Opernstar der neuen Generation. Heyne München 2005, 254 Seiten, 19,90 Euro.

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