• Plündern für Devisen: Die Stasi verschacherte das Raubgold der Nazis - ohne Rücksicht auf die Eigentümer

Kultur : Plündern für Devisen: Die Stasi verschacherte das Raubgold der Nazis - ohne Rücksicht auf die Eigentümer

Robert Ide

Die Szene erinnerte an einen dunklen Kriminalfilm. Fast geräuschlos parkten am 21. Dezember 1989 ein dunkler Lada und ein Kleintransporter auf dem Hof der DDR-Staatsbank in Berlin-Mitte. In Windeseile schafften die Fahrzeuginsassen Kisten, Säcke und Koffer in das Gebäude. In den 112 Behältern befanden sich Edelsteine, Silberbarren, alte Orden und seltene Münzsammlungen. Der Schatz stammte aus der Stasi-Zentrale in Lichtenberg - er sollte vor den Stürmen des Umbruchs "in Sicherheit" gebracht werden. Erst zehn Jahre später flog der Geheimtransport auf. Der Bürgerrechtler Wolfgang Ullmann sprach nachträglich von "Geldwäsche" und fragte nach dem Verbleib der Stücke. Doch eine andere Frage drängte sich ebenso auf: Woher hatte das MfS die Wertsachen überhaupt?

Diebstahl und Schmuggel

Um das so genannte Stasi-Gold ranken sich fantastische Geschichten. Von Kungeleien mit Finanzjongleuren und Betrügern ist die Rede, sogar vom Handel mit Raubstücken der Nazis aus jüdischem Eigentum. Die meisten Spekulationen haben sich als traurige Wahrheit herausgestellt. Auf der Jagd nach Devisen für den klammen Staatshaushalt machten Mielkes Genossen nicht vor Schmuggel und Plünderungen Halt. Mit unheimlichen Aufwand wurden Bergwerksstollen durchstöbert, Seegründe abgetaucht und Museumsdepots ausgeräumt.

Andreas Förster, MfS-Experte und Redakteur bei der "Berliner Zeitung", hat die Aktionen der Schnüffler recherchiert und rekonstruiert. Obwohl viele Geschichten der Fachöffentlichkeit bekannt sein dürften, hat Förster ein informatives und spannendes Buch vorgelegt.

Der Stasi-Raubzug begann 1962 mit der "Aktion Licht". An einem Sonnabend im Januar durchsuchten die Geheimdienstler Banken und Sparkassen in allen DDR-Bezirken. Tresore, in denen Schmuckstücke und Gemälde lagerten, wurden leer geräumt. Die Wertsachen - viele davon Raubgut der Nationalsozialisten von jüdischen Bürgern - wurden kurzerhand zu Volkseigentum erklärt. Drei Tage später ordnete Stasi-Boss Mielke "die Nutzbarmachung in Abstimmung mit dem Minister für Finanzen" an, kurz darauf wurden die Kostbarkeiten zum Verkauf freigegeben. Um die rechtmäßigen Eigentümer scherten sich die Genossen nicht. Mehr als 250 Gemälde, 100 alte Handschriften (etwa von Fontane, Goethe, Heine und Schiller) sowie 1006 Sparbücher aus der NS-Zeit kamen auf die Angebotsliste. Und gefundene Bankunterlagen, insbesondere der Deutschen Bank, nutzte die SED für ihre Propaganda gegen die "revanchistische" Bundesrepublik. Für Erich Mielke war die "Aktion Licht" ein persönlicher Erfolg. SED-Chef Walter Ulbricht übertrug ihm die volle Zuständigkeit für die "operative Aufarbeitung" der NS-Vergangenheit. Fortan gehörte die Jagd auf das Raubgold der Nazis zum Alltagsgeschäft der Stasi.

Förster beschreibt die Geschehnisse mit kühler Genauigkeit. Seine Rechercheergebnisse präsentiert er in kurzweiligen Reportagen, die den Leser auf die Fährte der Schatzräuber setzen. Am Ende kommt der Autor zum Ergebnis, das die Stasi "magere Erfolge" hatte. Der Aufwand bei der Suche nach dem Nazi-Gold stand - wie in allen Bereichen des vom Volk aufgelösten Stasi-Apparats - in keinem Verhältnis zum zweifelhaften Nutzen. Bestes Beispiel dafür war die vergebliche Jagd nach dem legendären Bernsteinzimmer.

Das Bernsteinzimmer

Unter dem Tarnnamen "Puschkin" durchforsteten die Geheimdienstler 130 "mögliche Verbringungsorte" für den verschwundenen Kunstschatz des russischen Zaren. Zuerst fahndete Oberstleutnant Paul Enke alias "Dr. Paul Köhler" nach Zeitzeugen und Spuren - Ergebnis war ein internes 200-Seiten-Exposé mit möglichen Verstecken in Sachsen, Bayern und Mecklenburg-Vorpommern. Ab 1980 wurde sogar eine Arbeitsgruppe unter Leitung von Oberstleutnant Hans Seufert eingesetzt. Neun Jahre lang legte sie Dossiers über eintausend Personen an und verpulverte eine Million Mark für die Erschließung verschütteter Bergstollen. Vergeblich. Noch am 6. Oktober 1989, einen Tag vor dem 40. und letzten DDR-Jahrestag, wurde eine Information über bislang unerschlossene Kellergewölbe in Weimar erstellt. Die genaue Erkundung fand jedoch nicht mehr statt. Unter dem Druck der Straße musste das MfS den Vorgang "Puschkin" schließen. Die skrupellose Jagd nach dem Gold der Nazizeit wurde abgeblasen.

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