Kultur : Plüschfratzen

Die New Yorkerin Joyce Pensato gastiert in der Galerie Capitain Petzel.

Nicole Büsing/Heiko KlaasD

Joyce Pensato hat das weitläufige Basement der Galerie Capitain Petzel in ein Atelier verwandelt. So zeigt die aktuelle Ausstellung nicht nur neue Gemälde und große Papierarbeiten der New Yorker Künstlerin (Preise auf Anfrage). Sie gibt auch exklusiven Einblick in Pensatos Arbeitsweise. Eine ganze Wand ist mit Fotografien zugeklebt. Farbtöpfe und Pinsel zeugen von ihrer intensiven Arbeit an mehreren Bildern. Am Auffälligsten aber: Überall tummeln sich farbbekleckste Comicfiguren. Mickey Mouse und Homer Simpson, Donald Duck, Bugs Bunny und Felix the Cat. Viele Figuren hat Pensato bei E-Bay ersteigert, geschenkt bekommen oder auf der Straße gefunden. Sechs Kisten mit Plüschwesen brachte sie aus Brooklyn mit. Ganz ähnlich sieht es auch im Atelier der Künstlerin, einer ehemaligen Dance Hall im New Yorker Künstlerviertel Williamsburg, aus.

Joyce Pensato zeichnet und malt Comicfiguren. Mitte der siebziger Jahre hat sie damit begonnen. Ikonen des heilen Amerika wie Donald, Mickey und andere harmlos-naive Charaktere mit Affekten aufzuladen. Sie überarbeitet Details, fügt Charaktere zu skurrilen Mischwesen zusammen und haucht den standardisierten Comicwesen Persönlichkeit ein. Gleichzeitig werden neue Charakterzüge sichtbar, die ins Böse, Fratzenhafte oder Groteske abdriften. So unterzieht die Künstlerin beliebte Ikonen der amerikanischen Massenkultur einer psychologisierenden Revision.

Wenn sie über ihre ikonenhaften Figuren spricht, spürt man die enge Beziehung, die Pensato während des Malens zu ihnen aufbaut: „Ich bin fasziniert von Köpfen, ich mag die verschiedenen Ausdrücke der Gesichter. Aber es steckt auch eine Menge Abstraktion in den Bildern.“ Pensato malt fast ausschließlich mit weißem und schwarzem Lack. Auf manchen Gemälden bildet Silber einen spiegelnden Untergrund. Auf Kohlezeichnungen kommen dazu sparsam rote, gelbe oder blaue Pastellkreiden zum Einsatz. Gestische Farbschlieren und Drippings à la Jackson Pollock, Kleckse und Verwischungen überziehen die Leinwände. Ihre Motive auf Papier bearbeitet Pensato immer wieder mit dem Radiergummi. Dünne Stellen und Löcher sind das Ergebnis solcher Prozesse.

„First we take Manhattan, then we take Berlin“ – nach dem Motto des alten Leonard-Cohen-Songs hat auch Pensato mit ihrer Einzelausstellung „The Eraser“ 2007 bei Friedrich Petzel den Sprung von Brooklyn über den East River ins Rampenlicht von Chelsea geschafft. Mit ihren neuesten Bildern ist die in den 1940er Jahren Geborene jetzt in Berlin angekommen. Ein Beweis dafür, dass es auch heute noch möglich ist, mit einem konsequent vorangetriebenen, aber lange Zeit übersehenen Werk irgendwann einmal die großen Bühnen des Kunstbetriebs zu erobern. Nicole Büsing/Heiko Klaas

Galerie Capitain Petzel, Karl-Marx-Allee 45; bis 24.10., Di.–Sa. 11–18 Uhr.

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