Kultur : Plüschgewitter

Zerstört alle Monster: zum frühen Tod des amerikanischen Künstlers Mike Kelley.

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Abgründig. Kelleys „Herida gloriosa“ im spanischen Bilbao (2011). Foto:p-a/dpa
Abgründig. Kelleys „Herida gloriosa“ im spanischen Bilbao (2011). Foto:p-a/dpaFoto: picture alliance / dpa

Stofftiere sind Ersatzbabys für Erwachsene, hat Mike Kelley einmal gesagt. Sie seien weich, sauber, geschlechtslos. Sie seien „das Modell vom perfekten Kind“. Und sie wurden zum Markenzeichen des Künstlers. Gesellschaftskritik und Popkultur: Kelley vereinte all diese vermeintlichen Gegensätze in seinen Werken und stieg dadurch zu einem der wichtigsten amerikanischen Gegenwartskünstler auf. Was nun bleibt, sind seine Arbeiten, das Andenken. In der Nacht zum Mittwoch ist Kelley in Los Angeles tot in seiner Wohnung aufgefunden worden. Er starb mit 57 Jahren. Nach Angaben der „New York Times“ geht die Polizei von Selbstmord aus.

Kelley gehörte zu jener Generation von Künstlern, die in den neunziger Jahren die Grenzen zwischen den Genres auflösten. Alle technischen und ästhetischen Mittel schienen ihm zur Verfügung zu stehen, von der Zeichnung über das Video bis zur Installation und Aktion. „Ich bin“, sagte Kelley, „ein Teil der Kultur als Ganzes“. Damit wurde er international berühmt. 1992 gestaltete er für die New Yorker Band Sonic Youth das Cover der Platte „Dirty“ – auch darauf ist ein gestricktes Stofftiergesicht zu sehen.

Musik war eine seiner großen Leidenschaften. Als College-Student hatte Kelley, der 1954 in einem Vorort von Detroit geboren wurde, in Ann Arbor, Michigan, die Band Destroy All Monsters mitgegründet, die ihren Krach- und Punkrock mit Performances verband. 1976 verließ Kelley die Band, um am California Institute of the Arts in Los Angeles Kunst zu studieren. Einer seiner Lehrer war der Konzeptkünstler John Baldessari. Die Stadt sollte Lebensmittelpunkt für Kelley bleiben.

„L. A. wäre ohne ihn nicht so eine großartige, internationale Hauptstadt für Gegenwartskunst geworden“, sagt Paul Schimmel, Chef-Kurator am Museum of Contemporary Art in Los Angeles. Dort begann Kelleys Weltruhm. Das New Yorker Whitney Museum, das Wiener MUMOK, der Louvre und das Centre Pompidou in Paris zeigten seine Werke. In Berlin waren zuletzt 2010 Arbeiten von ihm im Schinkel-Pavillon zu sehen.

Seine Themen waren die Massenkultur, Sexualität und Geschlechterfragen, Kindheitserinnerungen, jugendliche Rebellion. Was bedeutet es, in den USA aufzuwachsen? Dafür fand Kelley immer wieder beklemmende Bilder. Seine Herkunft aus einer katholisch geprägten Arbeiterfamilie diente dabei als eine Art Resonanzboden. Immer wieder rebellierte er gegen das Geordnete, die vermeintlich heile Welt. Ekel und Angst überlagern die seltsame Sentimentalität, die seine Pop-Plüschwelten auslösen.

So nähte er in der Assemblage „More Love Hours Than Can Ever Be Repaid“ zerrissene Plüschtiere aus einem Gebrauchtwarenladen zu einem großen Teppich zusammen, alleingelassene Hasen, Hunde, Schnuffeltücher. Wer muss wem die Liebe zurückzahlen? Die Kinder den Eltern oder umgekehrt? Offensichtlich gibt es ein Missverhältnis zwischen der Liebe, die man der Welt schenkt, und der, die man zurückbekommt. Mit Kelleys Tod bekommt dieses Werk eine neue Bitterkeit. Anna Pataczek

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