• Poesie des Alltäglichen: André Kertész, einer der großen Fotografen dieses Jahrhunderts, ist mit einer umfangreichen Schau bei Camera Work zu sehen

Kultur : Poesie des Alltäglichen: André Kertész, einer der großen Fotografen dieses Jahrhunderts, ist mit einer umfangreichen Schau bei Camera Work zu sehen

KATRIN BETTINA MÜLLER

Von oben tanzen RegenschirmeVON KATRIN BETTINA MÜLLERAndré Kertész schickte die Augen auf Wanderschaft: Auf mehreren Ebenen zugleich erzählen seine Fotografien aus den großen Städten.Paris 1933, nahe der Station Saint Lazare: Über die untere Bildkante lugen Kopf und Hut eines Passanten, hinter dem ein Mann auf einer Balustrade sitzt.Über diesem zappelt eine weitere Figur in der Luft, eine Werbepuppe, angebracht an einer Hausecke.Weiter hinten, nach Überquerung eines Platzes, fangen Fassaden den Blick auf, aufgelöst in Stuck, Balkongitter und Schriftzüge.Daß der Fußgänger vorne nicht längst schon verschwunden ist, wenn wir endlich herausgefunden haben, wo man am Saint Lazare einen Kaffee bekommt, macht das Wunder der Fotografie aus (Vintage, 14 500 DM). Ähnlich komplex ist der Raum einer Ansicht aus New York gestaffelt: Die Schornsteinbatterie auf dem Dach einer nahen Hausecke wird von Fassaden und Brandmauern hinterfangen, aus denen sich seitlich das Gerüst einer Brücke schiebt.Sie räumt das Blickfeld frei bis zum anderen Ufer des Flusses (Vintage, 12 500 DM). Das Leben ist in Bewegung, und seiner Unruhe antwortet der Fotograf André Kertész, der aus Budapest kam, in Paris berühmt wurde und in New York fast in Vergessenheit geriet, mit einem fliessenden Schauen.Seine Perspektiven gleiten dem Bildgeschehen entgegen: Wie angeschwemmt wirkt die Traube der Männer am Bücherstand der Bouquinisten, die er 1925 in Paris von einem erhöhten Standpunkt aus aufnahm.Der Blick von oben: Er umfaßt die Siesta am Fuß einer steilen Mauer (Paris, 1927), die riesenhaften Schatten der kleinen Kinder auf dem Pflaster (Paris, 1931) und die Regenschirme der Japaner (Tokyo, 1968) wie die Variationen eines Tanzes. Die umfangreiche Ausstellung in der Galerie Camera Work ermöglicht mit Vintage Prints (bis 52 000 DM) und späteren Abzügen (ab 4500 DM), Kertész zu folgen.Von den wenigen noch in Ungarn entstanden Fotos gehört der "Underwater swimmer" (1917) zu den bekanntesten: Das Geflecht der Lichtadern auf der Oberfläche und die durch die Linse des Wassers langgezogenen Glieder wirken wie ein Vorgriff auf die Reihe "Distorsion", an der Kertész 1933 in Paris arbeitete.Über einen Zerrspiegel fotografierte er weibliche Akte, verdoppelte die Rundungen von Brüsten und Hintern, ließ Haare wie Kaskaden fließen, dehnte die Haut.Damit kam er der "konvulsivischen" Schönheit der Surrealisten nahe, die das Durchkneten des Weiblichen als ihr Recht und Kunst als Fortsetzung des Begehrens begriffen. Doch Kertész war kein technischer Tüftler, der mit der Alchemie des Labors das Verborgene zum Vorschein hätte bringen wollen.Die surrealistischen Künstlerkreise schätzten ihn dennoch, weil er das Fremde im Vertrauten entdecken konnte, den poetischen Moment im Alltäglichen: Zusammengeräumte Karusselpferdchen, Holzfiguren an einem Giebelfenster.Sich der Lakonie dieser gefundenen Situationen hinzugeben und ihren Zauber nicht durch Inszenierung zu vertreiben, zeichnete den professionellen Flaneur aus.Er nahm sich und sein Handwerk zurück.Nicht einmal ganz scharf ist das weiche Gesicht einer Wahrsagerin, die aus den Linien einer Hand lesen will. In Europa hatte Kertész für alle bedeutenden Zeitschriften gearbeitet, in den USA verhinderte der Zweite Weltkrieg ein bruchloses Anknüpfen an diesen Erfolg.Zwischen 1941 und 1944 als "feindlicher Ausländer" eingestuft, durfte er nicht in der Öffentlichkeit arbeiten.Die Ausstellung "Exil" dokumentierte letztes Jahr in der Neuen Nationalgalerie seinen erzwungenen Rückzug ins Atelier.Zudem fanden einige amerikanische Redakteure, daß seine Fotos "zu viel sagten".Ende der 40er Jahre besserte sich seine Auftragslage wieder.Doch erst in den 60ern wurde Kertész auch als Künstler wiederentdeckt, der für das Leben in den Großstädten Paris und New York eine eigene Sprache gefunden hatte.Gerade in der Leichtigkeit, mit der er Dokumentation und subjektive Wahrnehmung verband, lieferte er einen epischen Blick auf das 20.Jahrhundert. Galerie Camera Work, Kantstraße 149, bis 30.Mai; Dienstag bis Freitag 10-19 Uhr, Sonnabend 11-15 Uhr.

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