Kultur : Poesie des Exils

Die Erzählerin Sudabeh Mohafez erhält heute den Chamisso-Förderpreis

Annika Hennebach

„Diversity is good!“ sagt sie betont langsam und lacht. Sudabeh Mohafez springt gerne von einer Sprache in die andere. Als Tochter eines Iraners und einer Deutschen, die sich untereinander auf Französisch unterhielten, ist die Schriftstellerin, die heute in München den Adalbert-von-Chamisso-Förderpreis erhält, dreisprachig aufgewachsen. Später lernte sie noch Englisch und Portugiesisch. Lebhaft und liebevoll erzählt die Schriftstellerin von ihren ersten Lebensjahren in Teheran. Im Zuge der iranischen Revolution kam sie 1979 mit ihrer Familie nach Berlin. Ein stiller Schock für die damals 16-Jährige. Um den Bruch zu verarbeiten, brauchte sie zehn Jahre. „Eine lange, ziemlich beschissene Zeit“, seufzt sie und zieht an ihrer Zigarette. „In diesen Jahren wurde das Schreiben zu einem Ort, an dem ich zur Ruhe kommen konnte. An dem ich reflektieren konnte, wo ich bin, wer ich bin und wie ich bin.“

Es gibt vieles, was die schmale Frau aus ihren ersten Lebensjahren erinnert: „Gerüche, Umgangsweisen, wie jemand dich anguckt, und vor allem anfasst. Dass du überhaupt angefasst wirst von fremden Menschen.“ Hat sie beim Bestellen im Café den Kellner nicht gerade länger berührt? Seit fast 30 Jahren ist sie nicht nach Teheran zurückgekehrt. „Das ist heute eine andere Stadt, die Frauen müssen verschleiert laufen. Davor habe ich Angst. Ich bin zwar keine gute Informationsquelle, was die Politik angeht. Aber was da im Moment passsiert, erschreckt mich. Wobei man auch hören sollte, was die Leute im Land sagen. Und zwar die von der Opposition. Die Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi etwa vertritt eine beachtenswerte Politik.“

In ihrem vorletztes Jahr erschienenen Debüt, dem Erzählband „Wüstenhimmel Sternenland“ (Arche Verlag, Hamburg) spiegeln sich die Teheraner Jahre stark nieder. Ob einer Protagonistin der iranische Berg Damâwand mitten in Berlin erscheint oder die siebziger Jahre des Iran thematisiert werden, als reiche Geschäftsleute westlicher Nationen luxuriös mit iranischen Bediensteten lebten – immer wieder trifft der Orient auf den Okzident. Auch sprachlich. Angelehnt an die persische Literaturtradition wird weniger linear als vielmehr verschachtelt erzählt. Es tauchen farbgetränkte Bilder auf, grau-braun Schattierungen „vom Berg Damâwand nördlich Teherans“, „Ocker von der Wüste, die südlich von Teheran liegt“, außerdem Safran und viele türkis-blaue Töne. „Immer ist es die Stadt meiner Kindheit, dieser Berg meiner Kindheit. Die sind in mir drin. Und die Erzählungen bieten das an als einen Ort, durch den man wandern kann. Ich denke, die Distanz zu Teheran hat mich genötigt, mich damit so auseinander zu setzen, dass ich mir der Existenz dieses Ortes in mir sehr bewusst bin.“

Über den Chamisso-Förderpreis der Robert-Bosch-Stiftung – den Hauptpreis erhält die aus Ungarn stammende Autorin Zsuzsanna Gahse – freut sich Sudabeh Mohafez deshalb besonders: „Mein Blick wird wahrgenommen.“ Ein doppelter Blick, mit dem sie immer wieder konfrontiert wird. „Man fragt mich: Fühlst du dich mehr als Deutsche oder als Iranerin? Du sollst dich immer positionieren. Aber ich bin nicht deutsch und auch nicht iranisch. Ich bin das alles.“

Neben der Verwurzelung in zwei Kulturen verarbeitet Sudabeh Mohafez Erfahrungen mit Gewalt, die die studierte Pädagogin in ihren sieben Jahren als Geschäftsführerin im zweiten autonomen Frauenhaus in Berlin gesammelt hat. Schon in den Erzählungen klingen verschiedene Formen von Misshandlung an. In ihrem ersten Roman „Gespräch in Meeresnähe“ aus dem letzten Herbst behandelt sie das Thema ausdrücklich – und das in einer stark poetischen Sprache. Hier werden die Frauen zu Täterinnen. „Erfahrungen mit gewalttätigen Frauen habe ich im Frauenhaus in einem solchen Ausmaß gemacht, dass ich das streckenweise überhaupt nicht aushalten konnte. In dem Roman geht es dabei um die Frage: Was mache ich mit dem Leben, wenn die Gewalt vorbei ist? Wie kann ich aus dem Menschen, der ich geworden bin, eine Person machen, die wieder glücks- und liebesfähig ist?“

Heute lebt Sudabeh Mohafez in Portugal. Und fühlt sich wohler denn je. „Portugal steckt – so europäisch es ist – voller Orientalismen, und die Lebensart erinnert mich sehr an zu Hause. Es passt zu mir besser als Deutschland oder der Iran. Weil es eine Mischung aus beidem ist.“

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