Kultur : Poesie des Vergessens

Gorki Studio: „Der Mann ohne Vergangenheit“

Christoph Funke

Überfall, Totschlag, Neugeburt: Plötzlich ist einer auf der Welt, längst erwachsen, der sich nach dem Verlust seines Gedächtnisses ein ganzes Leben neu erfinden muss. Aki Kaurismäki hat in seinem Film „Der Mann ohne Vergangenheit“ (2002) diese Geschichte der zweiten Menschwerdung erzählt. Ein in satten Farben gehaltenes Märchen, das die gnadenlose Analyse sozialer Ausgrenzungen in einen Traum von Nächstenliebe und Solidarität hinüberzuheben versucht.

Wie viele Kaurismäki-Filme hat auch „Der Mann ohne Vergangenheit“ als Anregung fürs Theater gedient, jetzt im Studio des Maxim Gorki Theaters Berlin. Dabei hat die Aufführung eine Vorgeschichte: Eigentlich sollte sie in dieser Spielzeit in Meiningen stattfinden. Nach der Entlassung des Intendanten Res Bosshart ging sie gewissermaßen ins Exil und wird nun präsentiert als Koproduktion mit „production art bosshart“. Die Textfassung von Regisseur Niklas Ritter geht auf ein verwirrendes Spiel mit Wirklichkeiten aus, auf die magische Verknüpfung erinnerten, gedachten und vorgeführten Geschehens. Fäden werden aufgenommen, zerfasert, fallengelassen. Kein reales Detail hält dem Druck der Fantasie stand, Horror, Spaß und Dämonie gehen ineinander über. Geräusche schaffen eigene Welten, ein Kühlschrank wird zur Zaubertruhe, völliges Dunkel bricht herein, wenn der Held seiner Vergangenheit begegnet – und vor ihr flieht. Das Ensemble um Julian Mehne spielt auf der kargen schneeweißen Bühne alle schauspielerischen Möglichkeiten durch: von ernster, nachdenklicher Bedeutsamkeit bis zum cleveren Sketch. Frisch, lebendig – aber das oft Rätselhafte bewusst nicht aufhebend.

Wieder am 17. Dezember

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