Kultur : Poesie vom IM-Dichter

KATRIN HILLGRUBER

Lyrik im Album: Sascha Andersons Versuch, eine Idee zu kopieren VON KATRIN HILLGRUBER

In den letzten Tagen gab es einige Aufregung um ein Markenzeichen der DDR-Literaturlandschaft, das in Form einer Fälschung wiederbelebt werden soll.Das "Poesiealbum" brachte von 1967 bis 1990 für neunzig Pfennig anspruchsvolle Dichtung unter die Leute.Die Idee für das in seiner Art einmalige Periodikum ging auf eine Initiative des Zentralrats der FDJ aus dem Jahr 1963 zurück, zu einer Zeit, als die DDR von einer "Lyrikwelle" erfaßt wurde.Neben "Staatsdichtern" wie Brecht, Weinert und Becher fanden sich bald Ausgaben, die Allen Ginsberg, Bob Dylan, Inge Müller, Hans Magnus Enzensberger galten.Im Jahr waren drei Debütanten darunter.Schon damals stellte das "Poesiealbum" ein subventioniertes Liebhaberprojekt des Verlags Neues Leben dar, auch wenn von Sonderdrucken wie "Gedichte für Vietnam" bis zu 20.000 Exemplare abgesetzt wurden.Bis 1994 wurden nach Auskunft von Geschäftsführer Rudolf Chowanetz Nachauflagen verkauft.Mit Heft 276 hätte es von ihm aus weitergehen können, doch ist das gegenwärtige Klima für Lyrik eisig und der Vertrieb schwer zu organisieren.In der DDR war das 32seitige Heft an jedem Kiosk erhältlich. Nun will ausgerechnet Sascha Anderson, der Stasi-Poet vom Prenzlauer Berg, der in einem Brief an Bernd Jentzsch scheinbar zerknirscht zugibt, "den prägenden Teil meines Lebens als IM existiert" zu haben, das von diesem begründete "Poesiealbum" neu herausbringen, dem Original im Layout täuschend ähnlich.Anfang des nächsten Jahres, hieß es noch letzte Woche, solle das erste Heft im Druckhaus Galrev erscheinen - mitherausgegeben von Bert Papenfuß.Anderson betont, es sei nicht seine, sondern die Idee der Verleger gewesen, die Reihe "Poesiealbum" zu nennen, "aber ich stand ihr offen". Zu diesem Ansinnen befragt sagte Jentzsch, Anderson falle offenbar nichts mehr ein.Es sei lächerlich, sich auf Kosten einer renommierten Reihe etablieren zu wollen.Der jetzige Direktor des Leipziger Literaturinstituts edierte 121 Ausgaben, bis er 1977, von einem Haftbefehl bedroht, in der Schweiz blieb.Rudolf Chowanetz bezeichnet Jentzsch, der sich sehr stark mit dem "Poesiealbum" identifiziert, als "großen Kenner und feinfühligen Menschen".Verdienste um die Reihe hätten sich aber auch andere erworben, zum Beispiel die Lektoren Richard Pietraß und Dorothea Oehme; sie stand für das Programm der letzten zehn Jahre. Falls das Plagiat tatsächlich erscheinen sollte, will Neues Leben bei Gericht eine einstweilige Verfügung beantragen.An den Verlag, der den Titelschutz besitz, war bislang keiner der Neu-Verleger herangetreten.Auf deren Seite zeigt man sich über das öffentliche Echo überrascht.Egbert Pietsch, Geschäftsführer des Vereins "Poesiealbum", der sich zu Editionszwecken gegründet hat, liegt inzwischen daran, die Situation zu deeskalieren: "Wir wollen nicht in Raubrittermanier Tatsachen schaffen".Der Verlagsleiter der Leipziger Stadtillustrierten "Kreuzer" arbeitet in Sachen "Poesiealbum" mit Egmont Hesse vom Druckhaus Galrev und Peter Hinke von der Connewitzer Verlagsbuchhandlung Leipzig zusammen.Pietsch gibt sich versöhnlich: Er und Hinke hätten Anderson geraten, Bernd Jentzsch den zitierten "Brief unter Dichtern zu schreiben".Ziel sei es von Anfang an gewesen, gute Lyrik in anspruchsvoller Aufmachung zu präsentieren, mit einer Auflage von 500 Exemplaren.Bei der Rechtsform des Vereins verbiete sich jegliches kommerzielles Interesse.Wie die Angelegenheit auch immer ausgeht: Anderson & Co.haben ein Exempel an Dreistigkeit und Verblendung statuiert.

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