Poesiefestival : Der Himmel in der Pfütze

Sänger alles Irdischen: Der große Dichter und Denker Yves Bonnefoy kommt zum Poesiefestival nach Berlin. In Frankreich ist der 87-Jährige eine Legende. Wir stellen ihn und seinen Gedankenkosmos vor

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Der sichtbarste Eingang in sein Universum befindet sich in den Alpen der Haute Provence, rund 600 Meter über dem Meeresspiegel, südlich von Petrarcas Mont Ventoux und am Rand des Luberon. In den Dimensionen der Weltzeit ist es weniger als eine Nanosekunde her, dass Yves Bonnefoy dort vor einem halben Jahrhundert zusammen mit seiner Frau, der Malerin Lucy Vines, hinter den schwarzen Wänden eines sintflutartigen Regens die Ruinen der Zisterzienserabtei von Valsaintes auftauchen sah und alles fand, wovon er jemals geträumt hatte. Eine mediterrane Ewigkeit voller Grillen, Libellen, Eichen, Mandelbäume und trotzigen Resten eines Olivenhains, dazu „im Phosphorglanz der Luft“ Sperber, Bussard und Wiedehopf.

Sieben Jahre lang, bis 1970, versuchte er, dem verfallenen Gelände eine Wohnstatt abzuringen, und selbst wenn davon nur die Gedichte von „Was noch im Dunkel blieb“ (Ce qui fut la lumière) geblieben wären, hätte man doch weder Mühe, sie als den bleibenden Ort dieser Erfahrung anzusehen, noch die geringste Sorge, den professionell betriebenen Rosengarten, der heute das renovierte Kloster umgibt, als deren Entstellung zu betrachten. Denn „die Worte entstehen aus dem Sommer, wie eine Schlange, in der Häutung, ihre zerbrechliche durchsichtige Hülle hinter sich lässt“, schreibt er in einem seiner „Berichte im Traum“. Zugleich fragt er unaufhörlich, wie und wo sich die Wirklichkeit, die wir unseren Erlebnissen zuschreiben, jemals wirklich fassen lässt.

Man könnte zum Beispiel in Bonnefoys Geburtsstadt Tours die Rue Traversière entlang spazieren, die einem seiner schönsten Prosabände den Titel gegeben hat, und würde nichts von der Aura spüren, die er dort als Kind empfand. Die Straße, die vor seiner Haustür begann und in einer anderen Welt zu enden schien, wollte ihren zauberischen Übergangspunkt von Nähe zu Ferne nie preisgeben. Die beiden Denkbilder, die davon erzählen, sind deshalb so brillant, weil sie, tastenden Satz um tastenden Satz, den Bewusstseinsspuren nachgehen, wie sich die Rue Traversière erst in der Erinnerung des Erwachsenen erschafft, dann mit Hilfe eines Stadtplans in der Welt des Faktischen verankert werden soll und sich in ihrer topografischen Gewissheit plötzlich aufzulösen beginnt.

Im Schreiben ergründet Bonnefoy das Oszillieren menschlicher Erfahrung zwischen Ort und Ortlosigkeit. Und er ergründet, wie Literatur ihren Gegenstand herstellt, indem sie die Vorstellung von etwas ist, das so nur existiert, weil jemand es sich vorstellt, und sie sich zugleich die Wirklichkeit in ihrer Gegebenheit und Gegenwärtigkeit, mit einem Bonnefoyschen Schlüsselwort: ihrer présence anverwandelt.

Yves Bonnefoy, der heute bei „Weltklang“ das Berliner Poesiefestival miteröffnet und am 24. Juni seinen 88. Geburtstag feiert, plädiert wie kein anderer lebender Dichter für die Notwendigkeit von Poesie als einer existenziell sinnerschließenden Kunst. In der Dimension seines Anspruchs ist er der wahrscheinlich letzte Nachfahre von Charles Baudelaire, Stéphane Mallarmé und – mit erklärter Distanz – Paul Valéry, dessen Vorlesungen am Collège de France er besuchte, bevor er dort selbst Professor wurde. Er ist Übersetzer von Shakespeare, William Butler Yeats und Giacomo Leopardi und ein herausragender Essayist. Vor allem aber ein Dichter und Denker von Hölderlinscher, Himmel und Erde umspannender Weite, der gleichwohl darauf pocht, die Sphären der poetischen Chiffre und des philosophischen Begriffs strikt auseinander zu halten.

„Es stimmt“, schreibt er in einem EMail-Gespräch, das seit Jahren seine bevorzugte Form ist, Interviews zu führen und aus dem die poetologischen Auskünfte dieser Zeilen stammen, „dass die Poesie ein Versuch ist, der Wirklichkeit auf nichtbegriffliche Weise zu begegnen. Mit ihren Wörtern trachtet sie danach, den direkten Bezug zu den benannten Sachen zu beleben, damit diese von ihrer begrifflichen Einkerkerung befreiten Gegenwarten für uns einen vollständiger bewohnbaren Ort ergeben. Nichts ist so falsch, wie alles auf den Diskurs zu reduzieren, auf den notwendigerweise begrifflichen Diskurs, der die Wahrheit als Formel anbietet. Die Poesie ist ein Kampf gegen den Diskurs, das, was ich das gesprochene Wort (parole) nenne und seine Wahrheit.“

Bonnefoy steht am anderen Ende eines eingreifenden Denkens wie dem von Jean-Paul Sartre, das er als ideologisch ablehnt. Und als Anwalt der présence am entgegengesetzten Pol einer von Maurice Blanchot wirkungsmächtig heraufbeschworenen absence, derzufolge das von sich selbst sprechende Subjekt sich jedes Mal aufs Neue verfehlen muss.

„Abwesenheit und Anwesenheit, das ist im Tiefsten des Erlebten dasselbe. Wenn man am eigenen Leib erlebt, dass man nur eine Form der Materie ist, nimmt man auch das wahr, was einen entscheiden lässt, einigen Blumen am Wegesrand Aufmerksamkeit zu schenken – ich denke an Leopardis ,Ginster’ oder die Gegenwart eines geliebten Menschen, mit dem man einen gemeinsamen Ort auf dieser Erde schafft. Man entscheidet immer über diese Gegenwart, und es ist Poesie, diese Entscheidung zu treffen.“

Blanchot ist mit seiner Vision daher für ihn weder eine Option geschweige denn ein Dichter: „Er schließt sich ein in der Faszination für das Nichtseiende, die Nacht, die Wirklichkeit als eines undurchdringlichen Außen. Von da aus kehrt er zu niemandem zurück, der an seiner Seite wäre. Es bleibt ihm zwar die Sprache, aber ohne Gesprächspartner bleibt ihm nichts als ein einsames Wiederkäuen.“

Bonnefoy hatte Mathematik studiert, als er 1945 in Paris unter die Surrealisten geriet und sich doch schnell wieder von ihnen entfernte. Schon 1947 brach er mit André Breton, weil ihm des Meisters okkultistische Neigungen zuviel geworden waren. „Du mouvement et de l'immobilité de Douve“ (auf Deutsch in „Beschriebener Stein“), sein lyrisches Debüt aus dem Jahr 1953, enthält im klassizistischen Gepräge eines alexandrinischen Grundmaßes, das später freieren, reimlosen Formen Platz machte, noch einige surrealistische Zuckungen. Es entwirft aber auch schon die ersten Chiffren, die sein Werk bis ins 21. Jahrhundert, bis zu zu „Les Planches Courbes“ (Die gebogenen Planken) durchziehen: die Flamme, die Lampe, die Orangerie, der Wind, das Eisen, der Rost, der Blitz, der Stein.

Aufgespannt zwischen einer Vorstellung von Wirklichkeit, die sich mit Reinheit, Einfachheit, Fülle, Unmittelbarkeit, vor allem jedoch Endlichkeit verbindet, erschaffen sie ein Universum, in dem Immanenz und Transzendenz dasselbe sind. Bonnefoy ist ein vehementer Gegner der platonischen Lehre, nach der jenseits der irdischen Erscheinungen ein Reich der Ideen beginnt. Er sympathisiert lieber mit Plotins Vorstellung von der einen, unteilbaren Welt, mit der dieser Platon interpretierte und korrigierte.

Nichts in seinen Gedichten raunt, nichts ist hermetisch, aber sie erschließen sich nur einer geduldigen zusammenhängenden Lektüre, die sich nicht von Bonnefoys feierlicher Anrufung der Dinge abschrecken lässt, die wie aus unvordenklichen Zeiten herüberdringt. „O Poesie“, heißt es etwa im „Trug der Wörter“, übertragen von Friedhelm Kemp, der alle Ausgaben von Bonnefoy bei Hanser und Klett-Cotta ausgezeichnet übersetzt und benachwortet hat. „O Poesie / dich zu nennen, ich kann nicht anders, / bei deinem Namen dich zu nennen, den / man unter denen nicht mehr liebt, die heute / irrwandern, wo das Wort zerfiel. / Ich wage es, dich anzureden, geradezu, / wie in den Zeiten der Beredsamkeit, da man / am Abend vor dem Festtag in den großen Sälen / die hohen Säulen mit Blatt- und Fruchtgewinden schmückte.“

Es ist dieser konsequent hohe, von Bonnefoy beim lauten Lesen zusätzlich zum Erzittern gebrachte Ton, der die nüchterneren Regionen der Prosa, selbst wo sie Dichtung ist, für viele erst einmal attraktiver macht, auch wenn ihnen das spezifische Gewicht des einzelnen Wortes fehlt. „Es gibt eine Art Gedichte zu lesen, die darauf zielt, durch ihre Wörter ganz direkt zu empfinden, was man den Geschmack genannt hat – Dante sprach von einem Parfum. Dieser Geschmack lässt uns instinktiv an der Qualität des Poetischen teilnehmen lässt – an der einfachen und vollständigen Schönheit eines Verses wie „dolce e chiara è la notte e senza vento“ (die Nacht ist süß und klar und ohne Wind) bei Leopardi, oder „que salubre est le vent“ (wie heilsam ist der Wind) bei Rimbaud. Einer Schönheit, die man direkt in den Wörtern spürt, nicht in ihren Denotationen und Konnotationen.“

Bonnefoy weiß aber, dass die Lektüre nicht dabei stehen bleiben darf. „Um das Projekt der Poesie zu verstehen, muss man sehr wohl begriffliches Denken einsetzen. Ich verlange nur, dass es sich nicht als sein eigenes Ziel ansieht. Es soll sich nicht über Systemen schließen, die sich selbst genügen. Dies ist die wahrhaftigste Herangehensweise an Gedichte, diejenige, die ich mir auch für meine eigenen Werke wünsche. Es gibt in ihnen Sätze, die sich für wahr halten, Sätze über die Schönheit, über das Leben, aber sie sind nur Momente im Innersten eines Vorhabens, bei dem es nicht darum geht, zu sagen, was wahr und was falsch ist, sondern darum, in erneuerten Wörtern die volle und unmittelbare Wirklichkeit zum Vorschein zu bringen.“

Sinnlicher Klanggenuss und intellektuell nachvollziehendes Lesen gehören indes zusammen. Deshalb hat Bonnefoys Poesie auch nichts mit mystischer Wesensschau zu tun. „Das Gedicht ist viel weniger eine neue Art, in der Welt zu sein, die sich auf keine Formulierung mehr zurückführen ließe, als ein Kampf über mehrere Stufen des Bewusstseins hinweg.“ Man durchquert dabei zeitlose bis archaische, manchmal arkadische Landschaften, die geradezu von Bonnefoys Lieblingsmaler Nicolas Poussin stammen könnten und ihre Herkunft aus dem 20. Jahrhunderts kaum erkennen lassen.

„Ich habe kein Bedürfnis, meinen historischen Moment zu beschwören, weil er schon alles strukturiert, wovon ich spreche.“ Damit hat er eine poetische Welt kreiert, die sich auf Anhieb als die seine erkennen lässt und alles Persönliche zugleich überschreitet. „Meinem Gefühl nach haben wir umso mehr an der Universalität der menschlichen Existenz teil, je persönlicher wir sind. Und persönlicher zu sein heißt, sich umfassender auf die eigene Endlichkeit einzulassen.“ Wie heißt es am Schluss von „Im Trug der Schwelle“? „Die Worte wie der Himmel, / unendlich, / jäh aber ganz in kurzer Pfütze.“ Bei Yves Bonnefoy reißt dieser Himmel auf im Licht des Südens.

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