Poesiefestival : Fisch und Verse

Der erste Lyrikmarkt verkauft mehr als Poesie.

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Man kennt Lyriklesungen, Lyriklesezirkel oder Lyriktreffen. Aber einen Lyrikmarkt? „Poesie ist massentauglich“, sagt Christiane Lange, Mitorganisatorin des Lyrikmarkts, und lud am Samstag vor der Akademie der Künste zu einem bunten Markttreiben: „Poesie existiert zwar im Buch, aber auch darüber hinaus – man muss sie fühlen, sehen und riechen.“

Letzteres konnte man etwa bei den „Haushaltsfragen“ mit Elke Erb, Christian Filips und Bo Wiget, die Kartoffeln und Fisch kochten und nebenbei dichteten – bis das Essen fertig war: Mit vollem Mund kann man nicht sprechen. Auch das Ohr wurde verwöhnt, etwa von der Berliner Newcomerband Artwhy, dem Singer-Songwriter Max Prosa oder Fön, einem Kollektiv aus drei Schriftstellern und einem Komponisten: In gesprochenen Dialogen und Texten in Liedform präsentierten sie surreale Alltagsbetrachtungen über die Sprache der Massenmedien. „Wir wollten mit der Gründung der Band auch aus unserem Elfenbeinturm herauskommen“, sagt Bandmitgründer Bruno Franceschini.

Unter dieser Maßgabe stand der gesamte Lyrikmarkt: Als lebendige Jukebox etwa bot sich Bert Bredemeyer im Innenhof der Akademie an. Für einen kleinen Obolus feuerte er ein Gedicht nach dem anderen ab. Naturlyrikfreunde freuten sich über Rainer Stolz’ Spaziergang durch den Tiergarten: Dort gab es nicht nur Vögel zu beobachten, sondern auch zu erraten, denn Stolz hatte zahlreiche Vogelgedichte im Gepäck. Spielerisch an Lyrik herangeführt wurden auch die jüngeren Besucher. Unter dem Motto „Ottos Mops kotzt“ konnten sich Kinder bei Sylvia Krupicka in Wortspielen üben, Gedichtstreifen in die Bäume hängen, sich ihren Namen „tätowieren“ lassen oder an der „Wortklangmaschine“ Wortlochstreifen anfertigen und durch eine Tonwalze zum Klingen bringen. Der erste Berliner Lyrikmarkt funktionierte, weil es eben nicht ausschließlich um Lyrik ging. Wer es doch lieber kontemplativ mochte, konnte an den zahlreichen Antiquariats- und Verlagsständen nach einen Lyrikband stöbern und sich in die Sommersonne setzen.

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