Poesiefestival in Berlin : Tönendes Erz und klingende Schelle

Wieviel Poesie steckt in Thora, Bibel und Koran? Das Poesiefestival der Literaturwerkstatt Berlin hat die Bücher untersucht und findet klingende Verse und Suren.

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Ein malaysischer Koranschüler prägt sich zum Beginn des Ramadan Suren ein.
Gedächtniskunst: Ein malaysischer Koranschüler prägt sich zum Beginn des Ramadan Suren ein.Foto: Moho Rasfan/AFP

Es ist nicht unbekannt, dass die Schönheit eines Gedichts jemals den Tod eines Menschen verursacht hätte. Kaum ein Dichter würde sich einen solchen Beweis seiner künstlerischen Kraft auch wünschen. Das ekstatische Verglühen ist das Privileg heiliger Texte und allein im Bezug auf den Koran überliefert, das letzte der heiligen Bücher, eine Schrift von solcher Herrlichkeit, dass sie nur von Gott direkt herabgesandt werden konnte – „in einer segensreichen Nacht“, wie es in der vierten Sure heißt.

Das alljährlich von der Literaturwerkstatt Berlin ausgerichtete Poesiefestival hat sich zusammen mit der Friedrich-Ebert-Stiftung im Lutherjahr einem programmatischen Experiment ausgesetzt: Was passiert, wenn sakrale Texte dreistimmig auf eine säkulare Bühne gebracht werden? Ergreifen sie das Publikum wie die religiösen Gemeinden der Spätantike, die sich von der Schönheit und Gewalt des Wortes und der bezwingenden Performanz der gottgesandten Vermittler überwältigen ließen? Und ist aus einem religiös-ästhetischen „Gebetsgespräch“ zwischen Juden, Christen und Muslimen ein „Surplus“ an Erkenntnis und Verständnis zu gewinnen im Sinne des Festival-Mottos, das dem „Kapital“ der Poesie als „Entäußerung des Menschlichen“, wie Werkstattleiter Thomas Wohlfahrt zum Auftakt des alljährlichen „Weltklangs“ proklamierte, auf die Spur kommen will?

Thora, Bibel und Koran sind mehr als bloße Texte

Thora, Bibel und Koran, die Überlieferungen der drei monotheistischen Weltreligionen, sind weit mehr als bloße Texte. Ihrer schriftlichen Justierung ging eine gewaltige Bewegung mündlicher Inszenierung voraus, getragen von religiösen Werbern, die in Sachen Glaubensverständigung und Kanonisierung unterwegs waren. Das Projekt, das Leopold von Verschuer am vergangenen Sonntagabend zusammen mit Sängern und Rezitatoren auf die Bühne brachte, hatte das Ziel, den poetischen „Echoraum“ der drei Schriften auszuloten. Denn keines der heiligen Bücher steht für sich selbst, jedes unterhält komplizierte Bezüge zu den anderen. Die theatrale Installation sollte diese impliziten Bedeutungskerne, das spannungsreiche Von- und Miteinander am Beispiel von teilweise dualistischen „Motiven“ wie Licht und Finsternis oder von Liebe, Stadt, Schlaf, Nacht oder Zunge aufspüren und in Dialog bringen.

„Wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen redete und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle“, hebt etwa Paulus’ Hohelied der Liebe im 1. Brief an die Korinther an. Die Liebe Gottes ist präsent auch in Psalm 136, dem berühmten Dankesgedicht für den Herrn, während in der Sure 55, der einzigen durchgängig gereimten, der Prophet in wiederholter Rhetorik fragt: „Welchen der Gnadenerweise eures Herrn wollt ihr leugnen?“

Während die Kantorin Aviv Weinberg das Gotteslob in seraphinische Höhen hob, klangen die Hebungen und Senkungen, mit denen Mohamed Al-Hakim die „Stimmungen“ der Koran-Erzählungen übersetzte, für europäische Ohren eher fremd. Sie entfalteten jedoch einen Sog, dem man sich schwerlich entziehen kann. Den christlichen Part dieser religiös-profanen Choreografie übernahm Murat Üzel, Priester in der syrisch-orthodoxen Gemeinde Berlin und sprechender Beweis für den alten christlichen Bibelkern, der im Aramäischen gründet. Für die „Gemeinde“ antwortete stellvertretend das Vokalquintett Berlin, auch wenn sich gelegentlich aus dem Publikum selbst eine schüchterne Stimme erhob und für „Gemeinschaftsfeeling“ sorgte.

Ein Stückchen Völkerverständigung

Deutlich wurde, dass die poetische Kraft keineswegs nur in der Textur der Schriften steckt, sondern in der ungemein komplizierten Gesanglichkeit, den musikalisch-phonetischen Regeln, die der Rezitator befolgen muss. „Ärger bekomme man sowieso“, sagte Aviv Weinberg im vorausgegangenen einführenden Gespräch lachend, nach ihren Freiheiten als Kantorin gefragt. Als ästhetisches Werk, betonte die Arabistin Nora Schmidt, habe der Koran für die Araber eine besondere Bedeutung. In der Schönheit der Sprache selbst liege für die Muslime der Offenbarungscharakter, es benötige keiner zusätzlichen Beglaubigungswunder. Die Liturgie des Korans, sekundierte Tuba Iÿik von der Universität Paderborn, sei als dialogischer Offenbarungsprozess zu verstehen und die dabei aufgegriffenen Begriffe wirkten wie ein Assoziationsraum für die Gläubigen.

Ob der politische Anspruch des Projekts einzig mit dem Lob der Völkerverständigung erfüllt ist, steht dahin. Als ästhetischer Versuch wirkte es jedenfalls elektrisierend. Und eben ganz anders, als bei der kenianischen Rapperin L-Ness, die zwei Tage zuvor in ihrer kaum übersetzbaren Performance „Dein Glaube“ sang: „Was nich is, das muss noch wer’n. Es ist im Glauben, dass Montañas versetzt wurn, die Prisongates geöffnet.“

Am Donnerstag, dem 25. 6., 21 Uhr, wird die Reihe in der Akademie der Künste am Hanseatenweg mit der Veranstaltung „Luthersprache – Dichtungssprache“ fortgesetzt. Es diskutieren u. a. die Lyriker Hendrik Jackson und Christian Lehnert. Weiter Informationen finden Sie hier.

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